15.05.2017
Erschienen in: 05/ 2017 aerokurier

Dritter PrototypCessna Citation Longitude auf Erfolgskurs

Die Longitude ist Cessnas Einstieg in die Super-Midsize-Klasse und der erste Business Jet, der komplett unter der Ägide von Textron entsteht. Der dritte Prototyp absolvierte jüngst seinen Erstflug, und Cessna hat mit der Montage der ersten Serienmaschinen begonnen. Die Zertifizierung rückt in greifbare Nähe.

Die Testpiloten Corey Eckhart und UJ Pesonen saßen am Steuer der dritten Cessna Longitude, als diese am 17. März 2017 vom firmeneigenen Flugplatz Beechfield in Wichita, Kansas, zu ihrem Erstflug startete. Mit Hilfe des dritten Prototyps wird das Entwicklungsteam in den nächsten Wochen die Avionik und Navigationssysteme unter die Lupe nehmen. Zu den Hauptaufgaben des Testflugzeugs zählt darüber hinaus das Sammeln von Daten, mit denen Simulatoren für die Pilotenschulung programmiert werden sollen. Von der Bekanntmachung des Longitude-Projekts im Mai 2012 auf der EBACE in Genf bis hin zum ersten Testflug verstrichen etwa vier Jahre. Der erste Prototyp startete am 8. Oktober 2016 zu seinem Jungfernflug, die zweite Maschine folgte am 21. November. Seitdem absolvierten die Testflugzeuge mehr als 250 Stunden bei gut 125 Flügen.

Nach Angaben von Textron Aviation, seit 2014 Mutterkonzern von Cessna, soll der Preis der Longitude bei 23 Millionen Euro liegen. Zur Hauptkonkurrenz gehört Gulfstreams G280, die eine Million Euro günstiger ist und vergleichbare Flugleistungen bietet. Auch Cessnas Citation X zählt zu den Wettbewerbern der Longitude – und dürfte damit langfristig in Existenznot kommen. Denn das vor beinahe 30 Jahren vorgestellte Muster ist mit einem Listenpreis von 21 Millionen Euro zwar günstiger als das neue Cessna-Flaggschiff, ihm jedoch in Sachen Passagierplätze, Zuladung, Abmessungen, Leistung und Reichweite deutlich unterlegen.

Der Querschnitt und das Design der Longitude-Kabine entsprechen denen des vor zwei Jahren zugelassenen Citation-Modells Latitude: Die Höhe der Kabine beträgt 1,83 Meter und die Breite 1,96 Meter. Jedoch besitzt die Longitude mit 7,67 Meter einen längeren Innenraum, um einer zusätzlichen Sitz-reihe Platz zu bieten. Bis zu zwölf Passagiere können bequem in dem Jet reisen. Die Sitzkonfiguration entspricht der Double-Club-Anordnung mit um 180 Grad drehbaren Sesseln, die von allen Citation-Modellen die breitesten sind. Beim Interieur sind drei Ausstattungsvarianten und sechs Farbkombinationen verfügbar.

Das Flügellayout der Longitude basiert auf dem der Hawker 4000 – Hawker ist heute ebenfalls Teil des Textron-Konzerns –, kommt auf eine imposante Spannweite von 21,01 Metern und nutzt Winglets, die auch helfen sollen, den Treibstoffverbrauch zu senken. Darüber hinaus nutzt die Longitude als erste Cessna eine eingeschränkte Fly-by-Wire-Steuerung, die vom französischen Zulieferer Thales kommt. Ein spezieller Leistungskonverter, der die Funktionen einer Hydraulikpumpe, eines Motors und einer Steuereinheit vereint, treibt dabei die Klappen und die Ruder elektronisch an. Die Bremssteuerung von Crane Aerospace & Electronics debütiert als erstes in einem Cessna-Jet verwendetes Brake-by-wire-System in der Longitude.

Lernen von der Latitude

Das bereits in der Latitude erprobte Garmin G5000 bildet auch in der Longitude den Mittelpunkt des Cockpits. Das 2016 zertifizierte Avioniksystem erfüllt die Part-25-Anforderungen und ist mit den Kollisionswarnsystemen TCAS und TAWA, Synthetic Vision und Wetterradar ausgestattet. Das moderne Radarsystem besitzt eine Reichweite von 300 NM und ist imstande, die Crew vor gefährlichen Windscherungen zu warnen. Das Touchscreen Vehicle Management System des Garmin G5000 basiert auf der Technik des G3000-Cockpits aus dem HondaJet und nutzt drei 12,1-Zoll-Bildschirme, über die Piloten die meisten Bordsysteme kontrollieren können. Das Kurs-Lage-Referenzsystem LCR-100 von Northrop Grumman bildet auch bei der Longitude eine Symbiose mit dem Garmin. Es ermöglicht eine autonome Kursausrichtung und funktioniert mit externen und eingebauten GNSS-Empfängern, die eine hybride Positionslösung für Navigation und Flugregelung erlauben.

Ursprünglich sollten in der Longitude zwei Triebwerke des Typs Silvercrest, einem neu entwickelten Turbofan des französischen Herstellers Safran Aircraft Engines (früher Snecma), zum Einsatz kommen. Aufgrund von Verzögerungen bei der Entwicklung entschloss sich Cessna dazu, die Longitude mit Turbofans von Honeywell auszustatten. Das Silvercrest ist jedoch nach wie vor für Cessnas zukünftiges Flaggschiff, die Hemi-sphere, vorgesehen. Auch Dassaults Falcon 5X, deren Erstflug ebenfalls noch aussteht, soll mit dem neuen Triebwerk fliegen.

Die beiden Honeywell-Turbofans HTF7700L wurden speziell für die Longitude angepasst. Sie leisten einen maximalen Schub von 33,6 kN und verfügen über eine digitale Triebwerkssteuerung (FADEC) und ein integriertes Auto-Throttle-System. Es handelt sich um eine Weiterentwicklung der HFT7000-Serie, deren Abkömmlinge in zahlreichen Business Jets ihren Dienst leisten, beispielsweise in zuvor erwähnter Gulfstream G280 (HTF7250G), in Bombardiers Challenger 350 (HFT7350) oder in Embraers Legacy 500 (HTF7500E). Der Antrieb der Longitude ist mit einem 34,2-Zoll-Bläser mit 22 Titanschaufeln ohne Blattdämpfung, einem Hochdruckverdichter mit vier Axialstufen, einer gekühlten Brennkammer, einer zweistufigen Hochdruckturbine und einer dreistufigen Niederdruckturbine konstruiert. Auch eine Schubumkehr von Aircelle, einem Tochterunternehmen von Safran, ist für das HTF7700L verfügbar. Diese arbeitet mit zwei Schubumkehrklappen, die im Flug als Ausgang der Abgasanlage fungieren. Aircelle änderte das Standarddesign seiner Klappen für die Longitude, damit diese auch die Betriebslautstärke des Antriebs senken. Auch die Triebwerksverkleidung des Herstellers GKN Aerospace soll den Lärmpegel verringern. Das Vorgängermodell der Verkleidung kam in den letzten zwölf Jahren in über 600 Business Jets zum Einsatz. Honeywell liefert neben dem HTF7700L auch das Hilfstriebwerk vom Typ 36-150. Am Boden ist es unter anderem für den Betrieb der Klimaanlage, das Anlassen der Haupttriebwerke und die Bereitstellung Druckluft zuständig.

Ursprünglich sollte die Longitude mit den Silvercrest-Triebwerken eine Reichweite von 4000 nautische Meilen (7400 km) besitzen. Diesen Wert musste Cessna aber aufgrund des Wechsels auf den Honeywell-Turbofan nach unten korrigieren: Nach Herstellerangaben soll der neue Business Jet nun maximal 3500 nautische Meilen (6482 km) bei Mach 0.8 und mit vier Passagieren fliegen können. Damit wären Direktflüge von New York nach Paris oder von Moskau nach Peking möglich. Die reinen Betriebskosten der Longitude liegen laut Angaben des Herstellers bei 1700 Euro pro Flugstunde. So würde die Reise von Singapur nach Sydney (7:28 Stunden) oder von London nach Dubai (6:42 Stunden) rund 13 000 respektive 11 000 Euro kosten. Die Maintenance-Intervalle der Longitude betragen 800 Stunden oder 18 Monate, was ihre Wirtschaftlichkeit zusätzlich verbessert.

In Halle IV im Cessna-Werk in Wichita montiert das Personal zurzeit die ersten vier Maschinen der Serienproduktion. Wenn alles weiterhin nach Plan läuft, dürfte der Zertifizierung Ende 2017 nichts mehr im Weg stehen.

Daten: Cessna Citation Longitude

Cessna Citation Longitude

Hersteller:
Cessna Aircraft Company
Sitzplätze: 12
Bauweise:
Metall
Verwendung: Business Jet

Antrieb


Hersteller: Honeywell
Typ: HTF7700L
Art: Turbofan
Startschub: 2 x 33,81 kN/7600lbs

Abmessungen

Länge: 22,30 m
Höhe: 5,91 m
Spannweite: 21,01 m
Flügelpfeilung: 28,6°
Flügelfläche: 51,65 m²

Massen und Mengen

Tankinhalt: 726 kg

Kabine

Länge: 7,67 m
Höhe: 1,83 m
Breite: 1,96 m
Gepäckraumvolumen: 3,17 m3
Gepäckraumkapazität: 505,8 kg

Flugleistungen

Startrollstrecke: 1494 m
bestes Steigen: nicht veröffentlicht
Reisegeschwindigkeit: 476 KTAS
maximale Reiseflughöhe: 45 000 ft
Steigzeit auf 45 000 ft: 22 min
Reichweite: 3500 NM / 6482 km
Landestrecke: 1036 m

aerokurier Ausgabe 05/2017



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