24.02.2016
Erschienen in: 07/ 2015 aerokurier

Kein StressPsychisch fit fürs Fliegen?

Flugsicherheit ist in der Luftfahrt auf der Prioritätenliste ganz oben angesiedelt. Bei der Beurteilung der eigenen psychischen Fitness ist jedoch kritische Selbstbetrachtung gefragt. Wer Stress aus dem Alltag mit ins Cockpit nimmt, verschenkt beim Flug wertvolle Sicherheitsreserven.

ae 07-2015 Fliegen Psyche

Selbst zum Job zu fliegen, ist ein Traum. Allerdings darf die Aufgabe nicht zu sehr von der Aufgabe als Pilot ablenken. Foto und Copyright: Piper Aircraft  

 

Nicht erst seit dem Absturz des Germanwings-Flugs 4U9525 in den französischen Alpen im März 2015 ist die psychische Fitness von Piloten ein Thema in der Flugunfallforschung. Neben der körperlichen Fitness beschäftigen sich verschiedene Unfallforscher auch mit der psychischen Fitness von Luftfahrzeugführern.

Ein Fall, bei dem ein Pilot mit dem Leben abgeschlossen hat und das Flugzeug als Mittel benutzt, um sein Leben zu beenden, ist sicher die extremste Ausprägung eines Problemkreises, der sehr vielseitig ist und den die Betroffenen zum Teil nur unbewusst wahrnehmen. Sie bemerken nicht, dass sie in eine Falle laufen, die negative Folgen für die Flugsicherheit – und damit für die Gesundheit und das Leben der Betroffenen – haben kann.

Auch in der Allgemeinen Luftfahrt gibt es sicherheitsrelevante Zwischenfälle, bei denen nachweislich eine fehlende psychische Fitness zum Unfallgeschehen beigetragen hat. Zwei Beispiele sollen hier angeführt werden: Ein selbstständiger Handelsvertreter und Segelflieger aus Norddeutschland hatte in den Wochen vor dem Unfall berufliche Probleme. Die von ihm vertriebenen Produkte waren nicht mehr so gefragt, er musste Umsatzeinbußen hinnehmen, die sein Einkommen schmälerten.

Wenn mehrere Stressfaktoren auftreten, wird's kritisch

Es gab zudem Ärger in der Beziehung, seine Frau drohte am Tag vor dem Unfall mit der Trennung. Da er länger nicht mehr geflogen war, wollte er sich in ein Flugzeug setzen, um Abstand von seinem privaten und beruflichen Stress zu gewinnen. Beim Windenstart riss jedoch das Seil, eine Situation, die er x-mal zuvor geübt hatte, und die er problemlos hätte meistern müssen. Doch an diesem Tag traf ihn der Seilriss völlig unvorbereitet. Das Flugzeug kippte ab und schlug im spitzen Winkel auf den Boden auf. Der Pilot überlebte schwer verletzt mit etlichen Brüchen und war über mehrere Wochen ans Krankenbett gefesselt. 

Im Gespräch mit dem Autor dieses Beitrags sagte er später: „Ich hätte damals den Flug nie antreten dürfen. Ich war so sehr mit mir selbst beschäftigt, dass ich wahrscheinlich nicht einmal mit dem Auto zum Flugplatz hätte fahren dürfen.“

Der zweite Fall passierte im Herbst vor drei Jahren im US-Bundesstaat Tennessee: Ein Geschäftsmann wollte nach einem zehnstündigen, anstrengenden Arbeitstag mit seiner  gut ausgerüsteten Kunststoff-Einmot nach Einbruch der Dunkelheit zu einem 300 nautische Meilen entfernten Flugplatz fliegen, um dort am nächsten Tag einen Geschäftstermin wahrzunehmen. Er war in Eile und startete ohne ausreichende Wetterberatung und mit mangelhafter Flugvorbereitung zu seinem meteorologisch durchaus anspruchsvollen Flug. Kurz nach dem Start war der allein fliegende Pilot überfordert und flog im Schneetreiben in einen bewaldeten Berghang unweit des Startflugplatzes. Er überlebte den Unfall nicht.

Stress ist in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit entstanden und stellt eine überlebenswichtige körperliche Reaktion auf Umwelteinflüsse dar. Ein beschleunigter Puls, eine höhere Sensibilität der menschlichen Sensorik sowie das Ausschütten von Stresshormonen haben in Ausnahmesituationen den Menschen befähigt, auf vermeintliche oder akute Gefahren schnell und angemessen zu reagieren. Allerdings liegt die Betonung auf „Ausnahmesituationen“. Wenn Stress zur Regel wird, schadet er.

Die Umwelt hat sich geändert, die Stressreaktionen nicht

In der heutigen zivilisatorischen Umgebung braucht man keinen erhöhten Puls, um vor gefährlichen Tieren zu fliehen, und man kommt auch ohne eine erhöhte sensorische Sensibilität zu seiner Nahrung. Aber die körperlichen Reaktionen auf als stressig empfundene Situationen sind heute gleich wie bei unseren Vorfahren trotz dramatisch veränderter Umweltbedingungen. 

Stress entsteht heute vielfach durch Leistungsdruck, Zeitdruck, wirtschaftlichen oder emotionalen Druck. Mit anderen Worten: Stress  wird häufig von außen an einen Betroffenen herangetragen. Weit verbreitet ist beruflicher Stress. Auslöser können sein: Das Arbeitspensum scheint nicht erfüllbar, es gibt Ärger mit Vorgesetzten, Kunden oder Mitarbeitern, die angestrebten wirtschaftlichen Ziele werden nicht erreicht, etc. Wie stark die Stressfaktoren auf einen Menschen wirken, ist individuell sehr verschieden und typ- und situationsabhängig. 

Emotionaler Stress kann durch Beziehungsprobleme, Trauer und selbst durch überschwängliche Freude entstehen. Nur weil man ein wenig Stress oder einen schlechten Tag hat, auf einen Flug zu verzichten, ist nicht angebracht. In einem solchen Fall ist ein schöner Flug sogar ein positives Erlebnis, das dem Stressabbau dient. Rituale wie das konsequente Nutzen der Checkliste, ein Safety Briefing vor dem Start, selbst wenn man alleine fliegt, helfen, keinen Stress beim Fliegen aufkommen zu lassen. Wichtig ist, dass man in der Lage ist, seinen Stresslevel einzuschätzen.

Ein schöner Flug kann auch entspannend wirken

Wenn Stress jedoch zum Dauerzustand wird, dann leidet die Leistungsfähigkeit – auch die fliegerische – darunter. Passiert dann etwas Unvorhergesehenes wie ein Seilriss beim Segelflugstart oder eine Motorstörung im Reiseflug, ist der Betroffene schnell von einer solchen Situation überfordert, und es kommt zum Unfall. 

Stress kann man entgegenwirken und zum Beispiel durch Entspannungsübungen entschärfen. Jedoch setzt dies eine realistische Selbsteinschätzung voraus. 

aerokurier Ausgabe 07/2015

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Volker K. Thomalla


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