11.04.2013
aerokurier

Praxis Checklisten: Fliegen wie die ProfisFliegen wie die Profis

In der Privatfliegerei leider oft verschmäht, machen uns Checklisten das Leben im Cockpit so viel leichter und vor allem sicherer.

Der Termin hat nun doch länger gedauert als angenommen. Jetzt wird es aber höchste Zeit, in die Luft zu kommen. Schließlich muss man noch vor Sonnenuntergang am Heimatflugplatz ankommen. Schnell wird der Flieger fertig gemacht, angelassen und zum Start gerollt. Läuft ja alles wie am Schnürchen. Flugs noch einen kurzen Run-up gemacht, und los geht’s. Da heute alles etwas schneller gehen muss, geht es ausnahmsweise auch mal ohne Checkliste. Außerdem kennt man die Punkte ja mittlerweile eh auswendig.

Der Flieger wird ausgerichtet und das Gas reingeschoben. Der Flieger beschleunigt wie gewohnt, aber irgendwie tut er sich beim Abheben schwer. Erst kurz vor dem Ende der Bahn kommt der Flieger in die Luft. Nach Erreichen der Sicherheitsmindesthöhe werden die Klappen eingefahren, aber siehe da, die waren gar nicht ausgefahren. Verdammt, wie konnte das denn passieren?

Eine lästige Pflicht?

Was in der professionellen Fliegerei eine Selbstverständlichkeit ist, wird in der Privatfliegerei oft als unnötig oder lästig empfunden. Warum tun sich Privatpiloten manchmal so schwer, eine Checkliste in die Hand zu nehmen? Es sind ja sogar Fälle bekannt, in denen ein Fluglehrer seinem Schüler die Checkliste aus der Hand nimmt und nach hinten wirft, weil er der Meinung ist, sein Schüler müsse das auswendig können.

Ein Airliner-Pilot käme niemals auf die Idee, eine Checkliste aus dem Kopf abzuarbeiten, auch wenn sie nur drei Punkte lang ist. Der eine oder andere Privatpilot aber, der alle vier Wochen mal in den Flieger steigt, ist der Meinung, eine Checkliste nicht nötig zu haben. Die Argumentation dazu ist manchmal recht interessant. Sie reicht von „Der Flieger ist so einfach zu bedienen.“ über „Ich kenne die Punkte eh auswendig.“ bis hin zu „Was soll denn der Rundflugpassagier denken, wenn ich eine Bedienungsanleitung in die Hand nehme?!“.

Ist es wirklich so peinlich, eine Checkliste zu benutzen, oder ist es nicht ein Zeichen von Professionalität, dieses zu tun? Schauen wir uns doch mal das Prinzip so einer Checkliste an.

Erst checken, dann lesen

Grundsätzlich unterscheiden wir sogenannte „Follow-up-Checklisten“ und „Read-and-Do-Checklisten“.
Kein Flugzeughersteller erwartet zum Beispiel von uns, dass wir unseren Außencheck mit der Liste in der Hand Punkt für Punkt abarbeiten. Denn dieser wird in der Regel mit einer „Follow-up-Checkliste“ durchgeführt. Das heißt, dass wir unsere Checks aus dem Kopf machen, während wir um das Flugzeug laufen. Im Anschluss daran nehmen wir die Liste in die Hand und gehen sie durch, um zu sehen, ob wir vielleicht irgendeinen Punkt vergessen haben. Schon so mancher Pilot hat auf diese Weise festgestellt, dass er seit Jahren einen bestimmten Punkt nicht mehr gecheckt hat, weil er irgendwann einmal aus der imaginären Gedächtnis-Checkliste verschwunden ist.
Gleiches gilt für die Checkliste vor dem Start. Einmal kurz in die Hand genommen, und wir können sicher sein, dass die Klappen dort stehen, wo sie hingehören, dass der Brandhahn auch wirklich offen und der Primer verriegelt ist.

Nach dem Start können wir ganz entspannt zur Liste greifen, wenn wir im Reiseflug sind und Zeit dafür haben. Besser wir bemerken die nicht eingefahrenen Klappen eine halbe Stunde nach dem Start als gar nicht.

Read and do: Lesen und tun

Anders die „Read-and-Do-Checkliste“. Hier wird Punkt für Punkt gelesen und abgearbeitet. Das ist zum Beispiel beim Anlassen des Triebwerks der Fall oder bei den meisten Notverfahren. Gerade in Notsituationen haben wir in der Regel einen recht hohen Stresslevel und können dank dieser Liste sicher sein, dass wir alle notwendigen Handlungen in der richtigen Reihenfolge vornehmen.
Jetzt ist es natürlich so, dass manche Flugzeughersteller ihren Produkten Checklisten mitgeben, die nicht unbedingt benutzerfreundlich sind. Entweder sind sie unübersichtlich aufgebaut oder einfach in einem Format, das für die praktische Benutzung im Flugzeug nicht geeignet ist. Dürfen wir uns jetzt einfach eine eigene basteln?

Eigene Listen basteln?

Da die Zulassung und der Betrieb eines Flugzeugs natürlich auf den Manuals des Herstellers beruhen, dürfen wir natürlich nicht den Inhalt einer Checkliste verändern. Es ist allerdings durchaus möglich, das Format praxisgerecht anzupassen. Wenn die Original-Checkliste beispielsweise als Anhang im Flughandbuch zu finden ist, das wir natürlich nicht immer durchblättern wollen, so empfiehlt es sich durchaus, die entsprechenden Punkte übersichtlich auf eine DIN-A5-Seite zu bringen, die wir dann laminieren können. So haben wir unsere Checkliste immer passend und gut lesbar zur Hand. Je nach Flugzeugtyp und Platz im Cockpit können wir so unser Wunschformat selbst gestalten. Nur inhaltlich muss sie halt dem Original entsprechen.

Eine Sache der Gewöhnung

Die Benutzung der Checkliste ist, wie so oft, einfach nur eine Sache der Gewöhnung. Während uns das Abarbeiten am Anfang langwierig und hinderlich vorkommt, nimmt die Benutzung mit der Zeit bloß noch Sekunden in Anspruch. Dafür bleibt aber das gute Gefühl, wirklich nichts vergessen zu haben. Gerade in Stresssituationen ist das von immenser Wichtigkeit. Nämlich gerade dann, wenn wir unter Zeitdruck stehen und „ausnahmsweise“ mal die Liste weglassen möchten, ist sie besonders wichtig. Die Chance ist groß, dass wir gerade dann etwas vergessen oder übersehen..

Nehmen wir uns doch einfach die Zeit, etwas Professionalität mit ins Cockpit zu nehmen. Denn der wirkliche Könner im Cockpit ist nicht der, der die Checkliste auswendig kennt, sondern der, der sie benutzt, obwohl er sie auswendig kennt.

Der Autor:
Michael Kückelmann, Berufspilot und im Privatleben viel mit seiner Husky unterwegs




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