15.03.2013
aerokurier

Hilfe – Fluggast droht mit Beteiligung an den Flugkosten…

Die am 8. April 2013 nun auch in Deutschland zur Anwendung kommenden europäischen Regelungen zur Lizenzierung von Luftfahrtpersonal führen vielfach zur Verunsicherung dazu, ob bei Gastflügen zukünftig die Flugkosten erstattet werden dürfen oder ob damit jedenfalls eine „gewerbsmäßige“ Fliegerei verbunden ist.

Cessna 172 Skyhawk im Flug

Die Nachfrage nach Kolbenmotorflugzeugen ist gegenwärtig auf niedrigem Niveau. © Foto: Cessna Aircraft Company  

 

In diesem Fall hätte dies weitreichende Auswirkungen. Neben der grundsätzlichen luftrechtlichen Einordung und einer evtl. damit verbundenen Strafbarkeit kommen auch steuerrechtliche, wettbewerbsrechtliche und vor allem haftungs- und versicherungsrechtliche Gefahren auf.

Mit diesem Artikel werden die unterschiedlichen Rechtsbereiche und ihre Sensibilität hinsichtlich der Gratwanderung zwischen einem privatem und einem gewerbsmäßigen Gastflug dargestellt.

Ausgangspunkt für die zurzeit häufigen Fragen nach der Möglichkeit, auch in Zukunft Passagierflüge gegen Entgelt durchzuführen, ist die europäische Verordnung VO(EU) 1178/2011 mitsamt der ergänzenden Verordnung VO(EU) 290/2012. Die Anhänge PART FCL und PART MED der EU-Verordnung „zur Festlegung technischer Vorschriften und von Verwaltungsverfahren in Bezug auf das fliegende Personal in der Zivilluftfahrt“ enthalten Hinweise darauf, dass ein Privatpilot je nachdem, ob er ein Segelflugzeug, einen Ballon oder ein Motorflugzeug oder auch Hubschrauber für einen Gastflug verwendet, darauf achten muss, ob er den Fluggast an den Kosten beteiligen darf oder nicht.

Der Anhang FCL enthält in den Begriffsbestimmungen folgenden Hinweis:
Gewerblicher Luftverkehr“ bezeichnet die entgeltliche Beförderung von Fluggästen, Fracht oder Post.“

Für die Beförderungsleistung benötigt der Fluggast zwei Dinge – ein Luftfahrzeug und einen Piloten/ Pilotin. Aufgrund der Positionierung der Begriffsbestimmung im PART FCL könnte man nun eine Differenzierung derart vornehmen, dass lediglich die Bezahlung des Piloten/ der Pilotin dazu führt, dass der Flug als „gewerblich“ zu qualifizieren ist. D.h. der Fluggast könnte die Flugzeugkosten direkt gegenüber dem Vercharterer bezahlen und der Pilot fliegt ohne „Entgelt“.

Schwierig wird dies jedoch mit Rücksicht auf die Bestimmungen der Grundverordnung - der sog. Basic Regulation VO (EG) 216/2008. Die Grundverordnung ist – ähnlich wie bislang in Deutschland das Luftverkehrsgesetz (LuftVG) für Verordnungen wie der LuftVO, der LuftPersV etc. - der Ausgangspunkt und die Ermächtigung dazu, Ausführungsverordnungen (Implementing Rules) zu erlassen. Um eben eine solche „Implementing Rule“ handelt es sich bei der VO (EU) 1178/2011.

Die “Basic Regulation“ enthält ihrerseits eine Begriffsbestimmung in Artikel 3i:
Im Sinne dieser Verordnung bezeichnet der Ausdruck  „gewerbliche Tätigkeit“ den Betrieb eines Luftfahrzeugs gegen Entgelt oder sonstige geldwerte Gegenleistungen, der der Öffentlichkeit zur Verfügung steht oder, wenn er nicht der Öffentlichkeit zur Verfügung steht, im Rahmen eines Vertrags zwischen einem Betreiber und einem Kunden erbracht wird, wobei der Kunde keine Kontrolle über den Betreiber ausübt.

Dies lässt zumindest starke Zweifel daran aufkommen, ob die Gewerbsmäßigkeit dadurch verneint werden kann, dass der Pilot kein Entgelt für seine fliegerischen Leistungen erhält, da zum einen auch ersparte eigene Aufwendungen in der deutschen Rechtsprechung als „Gegenleistung“ gesehen werden und da zum anderen der Fluggast wohl nur selten eine „Kontrolle“ über den Betreiber, d.h. denjenigen, der das Flugzeug im eigenen Namen und auf eigene Rechnung betreibt, ausüben können wird.

Auch die Zusammenschau der Einzelvorschriften des Teils FCL und des Teils MED verstärkt die hier auftretenden Zweifel daran, dass der EU-Verordnungsgeber es zulassen möchte, dass Passagierflüge gegen Entgelt von Privatpiloten durchgeführt werden sollen.

In FCL.105 LAPL (Light Aircraft Pilot Licence) werden die Rechte und Bedingungen für den Freizeitpiloten definiert:

„Die Rechte des Inhabers einer LAPL bestehen darin, ohne Vergütung als PIC im nichtgewerblichen Betrieb in der entsprechenden Luftfahrzeugkategorie tätig zu sein“.

Ebenso FCL.205.A für den PPL(A):

„Die Rechte des Inhabers einer PPL(A) bestehen darin, ohne Vergütung als PIC oder Kopilot auf Flugzeugen oder TMGs im nichtgewerblichen Betrieb tätig zu sein“.

Der Anhang MED enthält wiederum in MED.A.030 unter der Überschrift „Tauglichkeitszeugnisse“ u.a. folgende Hinweise:

Bewerber um und Inhaber von Pilotenlizenzen für Leichtflugzeuge (Light Aircraft Pilot Licence, LAPL) benötigen zumindest ein Tauglichkeitszeugnis für LAPL.

Bewerber um und Inhaber von Privatpilotenlizenzen (Private Pilot Licence, PPL), Segelflugzeugpilotenlizenzen (Sailplane Pilot Licence, SPL) oder Ballonpilotenlizenzen (Balloon Pilot Licence, BPL) benötigen zumindest ein Tauglichkeitszeugnis der Klasse 2.

Bewerber um und Inhaber von SPL oder BPL benötigen zur Betätigung bei gewerblichen Segelflügen oder gewerblichen Ballonfahrten zumindest ein Tauglichkeitszeugnis der Klasse 2.

Das heißt: für Segelflug- und Ballonpiloten wird explizit davon ausgegangen, dass gewerbliche Flüge, also nach der Diktion der Basic-Regulation „der Betrieb eines Luftfahrzeugs gegen Entgelt oder sonstige geldwerte Gegenleistungen“ möglich sind – nicht jedoch für Motorflug- oder Hubschrauberpiloten.

Es wäre Aufgabe der EASA (Europäische Flugsicherheitsagentur in Köln) oder des deutschen Verkehrsministeriums (BMVBS) hier eine klare Aussage zu treffen. Die Frage, ob  nichtgewerbsmäßige Rundflüge gegen Entgelt, die bisher keiner Betriebsgenehmigung (nach § 20 LuftVG) bedurften, da sie mit Luftfahrzeugen, die für höchstens vier Personen zugelassen sind auch zukünftig von Privatpiloten durchgeführt werden können?“ müsste unmissverständlich mit „ja“ beantwortet werden, um den ansonsten drohenden vielfältigen Rechtsstreitigkeiten vorzubeugen.

Die eher noch „harmlosen“ Rechtsstreitigkeiten könnten im Austausch wettbewerbsrechtlicher Argumente geführt werden. Luftfahrtunternehmen, die entsprechend ihrer Betriebsgenehmigung ausschließlich CPL-Piloten einsetzen dürfen, könnten mit Verweis auf die oben dargestellten Formulierungen Vereine und Piloten mit Unterlassungsansprüchen konfrontieren.

Eine Abmahnwelle mit ähnlichem Inhalt schwappte bereits Ende der 90-er Jahre vor allem über Süddeutschland.

Bereits 1998 wurde § 20 Luftverkehrsgesetz (LuftVG) neu gefasst. Die bis dahin geltende „Selbstkostenregelung“ wurde abgeschafft. Wer danach noch mit „Selbstkostenflügen“ auf sich aufmerksam machte, musste damit rechnen, einer Abmahnung oder auch einem gerichtlich geltend gemachten Unterlassungsanspruch ausgesetzt zu sein. Zudem gab es ein Urteil des Oberlandesgerichts Zweibrücken (vom 15.01.1999), mit dem ein Ballonfahrer, welcher keine Erlaubnis zur Durchführung von gewerblichen Fahrten hatte und Werbung für seine Fahrten machte, zur Unterlassung verurteilt wurde. Das OLG bemühte die vor allem im Bereich der Finanzverwaltung und –Rechtsprechung verwendeten Abgrenzungskriterien, anhand derer ein Handeln als „gewerbsmäßig“ einzustufen sei.

Danach handelt gewerbsmäßig, wer:

-    selbstständig, d.h. nicht auf Weisung und für Rechnung eines Anderen
-    nachhaltig, d.h. dauerhaft und wiederholt oder zumindest mit Wiederholungsabsicht
-    gegen Entgelt, d.h. auf die „wirtschaftliche Vorteile gerichtet“ wobei auch eigene Kostenreduzierung bereits als Entgelt zu qualifizieren sei
-    und mit Gewinnerzielungsabsicht

bestimmte Leistungen vornimmt oder anbietet.

„Selbstständig, nachhaltig, wiederholt, mit Gewinnerzielungsabsicht gegen Entgelt“ durchgeführte Flüge bzw. Fahrten erfordern daher die Zulassung als Luftfahrtunternehmen und hierzu auch den Einsatz von Berufspiloten bzw. Ballonfahrern mit „GE“-Eintrag.

Bis heute wirken die Nachwehen dieser Rechtsprechung. Die u.a. in dem auslösenden Urteil angeführte Anzahl von 24 Gastfahrten pro Jahr wird bis heute als Kriterium von Luftfahrtbehörden und Gerichten verwendet, Flüge bzw. Fahrten als gewerbsmäßig einzustufen. Für die Flächenfliegerei oder auch die Durchführung von Hubschraubergastflügen wurde die Zahl von „24“ als Maß für die Stunden angesetzt. Ohne Rücksicht auf die Anzahl von Fahrten oder Flugstunden wurde die „Gewinnerzielungsabsicht“ unterstellt, wenn „werbende Maßnahmen“ durchgeführt werden. D.h. vor allem entsprechende Internetauftritte oder Printwerbungen.

Besonders kritisch war hierbei die Verwendung des Begriffs „Selbstkostenflüge“. Dieser erweckte den Eindruck, dass die angebotenen Gastflüge bei ansonsten gleichen Voraussetzungen günstiger wären, als die Flüge, die das benachbarte zugelassene Rundflugunternehmen anbietet.

Die Einordnung „harmlos“ wurde hier gewählt, da es bei solch wettbewerbsrechtlichen Streitigkeiten „nur“ um Geld geht. Dass es dabei um empfindliche Summen gehen kann, musste mancher Verein erfahren, der im Streit mit einem Luftfahrtunternehmen im Gerichtsverfahren unterlag. Das Urteil dazu wettbewerbswidrige Internetinhalte (z.B. zu Selbstkostenflügen) zu entfernen ist leicht zu erfüllen. Jedoch führte die Streitwertentscheidung des Gerichtes dazu, die Aufwendungen des Luftfahrtunternehmens anzusetzen, die dieser für sein AOC (Air Operator Certificate, Zulassung als Luftfahrunternehmen) aufgewendet hatte, zu erheblichen Kosten seitens der unterlegenen „Nicht“-Luftfahrtunternehmen.

„Harmlos“ ist es jedoch dann nicht mehr, wenn die Frage nach der Einordnung als „privat“ oder „gewerblich“ mit den Versicherungen erörtert werden müsste.

Dieser Erörterung geht dann typischerweise ein Schaden voraus. Im Falle von Gastflügen geht dann der Streit darum, ob die Passagierhaftplichtversicherung bezahlen will oder nicht. Und der nachfolgend von den Hinterbliebenen auf Ersatz des Schadens zu führende Prozess richtet sich zunächst gegen denjenigen, der den Gastflug durchgeführt hat – oder auch den Verein, dessen Flugzeug verwendet wurde.

Im Bereich der Luftfahrt ist eine Gesetzeslücke feststellbar: Einen Direktanspruch eines bei einem Flugunfall Verletzten gegen die Versicherung sucht man vergebens. Damit richten sich Klagen zunächst immer gegen den Piloten, den Verein oder allg. den Vercharterer, der dann wieder eine Deckungsklage gegen die Versicherung führen kann. Eine Odyssee, die viele Jahre dauern kann und für alle Beteiligten psychisch und wirtschaftlich zermürbend ist.

Diese Schilderung stellt nicht den „Normalfall“ dar. Grundsätzlich sind auch die Versicherungen daran interessiert Unfallereignisse schnell und im Sinne von Verletzten abzuwickeln.

Die Schadensabteilungen der Versicherungen haben jedoch die Aufgabe, keine „unberechtigten“ Ansprüche zu befriedigen. Und so werden hierüber ohne Vorliegen einer Erklärung des Verordnungsgebers, dass ein „Entgelt“ bzw. die Erstattung von Selbstkosten nicht automatisch zum „gewerbsmäßigen Gastflug“ führt, Rechtstreitigkeiten ausgetragen werden, bei denen die Versicherung Ausschlussklauseln bzw. die Nichteinhaltung von Obliegenheiten bemühen wird, um nicht bezahlen zu müssen.

Ähnliche Verfahren werden zurzeit z.B. darüber geführt, dass ein Ultraleichtflugzeug bei einem Gastflug evtl. überladen war und die Versicherung sich nun darauf beruft, dass damit das Luftfahrzeug nicht „entsprechend den gesetzlichen Bestimmungen“ betrieben wurde. Daher will sie nun den Schaden des verletzten Passagiers nicht bezahlen. Aufgrund des nicht vorhandenen Direktanspruchs ist nun der Passagier darauf verwiesen, gegen die Hinterbliebenen des bei dem Unfall tödlich verunglückten Piloten Schadenersatzansprüche geltend zu machen. Und in einem späteren Verfahren müssen dann die Hinterbliebenen gegen die Versicherung vorgehen. Auslöser sind Versicherungsbedingungen die z.B. folgendermaßen formuliert sind:

1.    „Kein Versicherungsschutz besteht, wenn sich das Luftfahrzeug nicht in einem Zustand befunden hat, der den gesetzlichen Bestimmungen und behördlichen Auflagen entsprochen hat und/oder behördliche Genehmigungen, soweit erforderlich, nicht erteilt waren.“
2.    „Kein Versicherungsschutz besteht zudem, wenn bei Eintritt des Schadens das Luftfahrtunternehmen, soweit gesetzlich vorgeschrieben, nicht genehmigt war.“
3.    „Kein Versicherungsschutz besteht, wenn der Pilot/die Pilotin nicht die vorgeschriebenen Erlaubnisse, erforderlichen Berechtigungen oder Befähigungsnachweise hatte.“

Die erste Variante wird für das überladene Luftfahrzeug bemüht. Die beiden folgenden Varianten eröffnen das beängstigende Einfallstor für Streitigkeiten zu privaten oder eben gewerbsmäßigen Gastflügen.

Und auch genehmigungsrechtlich werden erste Fragen dazu gestellt, ob vor dem Hintergrund der neuen Lizenzierungsvorschriften jede Kostenbeteiligung bei Gastflügen von Privatpiloten als „unzulässig“ einzuordnen ist.

Diese Frage wird spätestens bei einem Antrag auf Durchführung von Gastflügen innerhalb von Luftfahrtveranstaltungen (Flugtage, Hallenfeste mit Flugvorführungen etc.) auftauchen. Die zur Entscheidung berufene Landesluftfahrtbehörde wird dann eventuell die Frage an das BMVBS oder den Bund-Länder-Fachauschuss weitergeben – vielleicht erfolgt hierdurch eine Klarstellung und womöglich erfährt der Begriff der „Selbstkostenflüge“ hierdurch eine Renaissance. Die Beschränkung auf Selbstkosten – also die reinen Kosten aus dem Betrieb des Luftfahrzeuges – könnte Abhilfe bei der Interpretation der europäischen Begriffsbestimmungen bieten.

Es hilft nun mittel- oder langfristig nicht, nach „Ausweichmöglichkeiten“ z.B. über die Schnuppermitgliedschaft des Fluggastes im Flugsportverein zu suchen oder auch die völlig zu recht von Berufskollegen geäußerten anderen Interpretationen zu diskutieren. Eine Klarstellung durch die EASA und/oder des Bundesministeriums für Verkehr ist unverzichtbar, um die  ansonsten zu erwartenden Auseinandersetzungen vermeiden zu können.

Mehr zum Thema:
Rechtsanwalt Frank Dörner / aerokurier.de



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