22.11.2016
Erschienen in: 10/ 2016 aerokurier

Tragschrauber und E-MotorradTrixy Aviation TrixyFormer

Ein Tragschrauber, der seinen Piloten nach der Landung bis in die Innenstadt bringt– das klingt schwer nach einem Werk Daniel Düsentriebs. Rainer Farrag hat diese Vision mit dem TrixyFormer Wirklichkeit werden lassen.

Dieser Tragschrauber sieht ungewöhnlich aus, sein Name ist ungewöhnlich, er ist ungewöhnlich: der TrixyFormer. Rainer Farrag, Chef des österreichischen Unternehmens Trixy Aviation und begeisterter Pilot, erklärt mir das so: „Mein Traum war schon immer ein fliegendes Motorrad, denn es ist einfach nervig, an Flugplätzen nach Fahrgelegenheiten suchen zu müssen, wenn man zum Beispiel in die Stadt möchte.“ Vor sechs Jahren gründete Farrag Trixy Aviation mit dem Ziel, Tragschrauber zu entwickeln, die nicht nur fliegen, sondern auch zu Land und auf dem Wasser eingesetzt werden können. Die fliegerische Komponente des Gerätes sollte mit einem Motorrad oder einem Boot verbunden sein und von einer Person schnell und ohne fremde Hilfe an- oder abgekoppelt werden können. Im August 2016 steht der TrixyFormer aerokurier-Autor Toni Ganzmann für Testflüge und – ungewöhnlich für ein Pilotenmagazin – für Testfahrten zur Verfügung.

Gespannt besuche ich den Betrieb am Flugplatz Slovenske Konjice in Slowenien. Mein Testobjekt mit der Kennung D-MBTR steht schon auf der Platte vor der Halle und wartet auf einen ersten Rundgang. Aus der Ferne sieht er wie ein offener Tragschrauber mit Tandemsitzanordnung aus, bei dem die Steuerelemente außerhalb liegen. Näher betrachtet, fällt der Lenker mit den beiden Hebeln für die hydraulischen Scheibenbremsen, Blinker, Lichtschalter und dem großen Display in der Mitte auf. Vom restlichen Motorrad ist kaum etwas zu sehen, denn das Hinterrad liegt mittig unter dem hinteren Sitz und wird von Hauptfahrwerk und Tank der Tragschraubereinheit verdeckt. Die Antriebseinheit, ein wassergekühlter Vierzylinder Boxermotor mit 130 PS Dauerleistung, das 8,60 Meter lange   Rotorsystem aus Luftfahrtaluminium und das Leitwerk aus Carbonwerkstoff sind bekannte Komponenten der Trixy-Tragschrauberentwicklung.

Ich nehme also vorne Platz und stelle eine erstaunlich bequeme, leicht nach hinten geneigte Sitzposition fest, von der aus der Lenker, aber auch alle fliegerischen Steuerorgane wie Steuerknüppel, Seitenruderpedale und Gashebel problemlos zu erreichen sind. Im großen Zentraldisplay können unter anderem Flugbetriebsanzeigen und Luftfahrtkarten dargestellt werden, im Fahrmodus dient es hauptsächlich als Navi und Tacho. Links außerhalb liegt noch ein weiteres Panel für Funkgeräte, Schalter und Sicherungen.

Vor dem ersten Flug erhalte ich ein ausführliches Briefing von Dr. Michael Ullrich, dem Werkspiloten. Dann – der Motor hat seine Betriebs-temperatur erreicht – rolle ich zum Start. Dabei stelle ich fest, dass das Lenken des Vorderrades über die relativ hoch liegenden Pedale präzise und ohne großen Kraftaufwand möglich ist. Da ich die linke Hand am Kombihebel für Gas und Bremse habe und die rechte am Steuerknüppel, bewegt sich der Lenker vor mir beim Rollen zwar mit, aber ich benötige ihn nicht – auch später in der Luft nicht. Das ist anfangs ein wenig irritierend.

Am Startpunkt wird der Rotor bis auf ungefähr 200 U/min vorrotiert, dann die Bremse des Hauptfahrwerks gelöst und Vollgas gegeben. Beim Startlauf auf der Grasbahn fällt das gefederte Vorderrad angenehm auf. Weiterhin ist trotz Volllast nur sehr wenig Drehmoment auszugleichen. Nach 180 Metern ist der TrixyFormer – betankt mit 60 Litern Sprit und mit zwei Piloten besetzt – bereits mit 3,5 m/s im Steigflug. Der Motor dreht mit 5800 Touren und schiebt uns bei 95 km/h mit dem besten Steigen in den Himmel. Für den Reiseflug mit 120 km/h kann die Drehzahl um 600 U/min reduziert werden.

Stabiler Kurvenflug

Jetzt ist es Zeit, das Verhalten des Geräts in Kurven zu testen. Ich fliege einige Vollkreise mit unterschiedlichen Schräglagen und stelle fest, dass der TrixyFormer sehr stabil um die Hochachse ist und mit ganz wenig Seitenrudereingabe auskommt, um koordiniert zu bleiben. Beim Fliegen von Achten ist allerdings etwas mehr Kraftaufwand am Steuerknüppel erforderlich – wie immer, wenn Push-Pull-Kabel statt Steuerstangen eingesetzt werden. Der große Sidestick gleicht diesen Nachteil aber fast wieder aus. Wichtig ist jedoch in jeder Fluglage, dass der Tragschrauber optimal ausgetrimmt ist. Die elektrische Trimmung per Steuerknüppel wirkt direkt auf den Rotorkopf und ist sehr effektiv. Die Rundumsicht ist hervorragend und erzeugt tatsächlich eine Art Motorradfeeling. Die Frontscheibe, die über den Kopf bis nach hinten reicht, hält den Fahrtwind inklusive Kleinteilen gut ab. Der Seitenwind kann natürlich voll durchblasen, und man merkt sofort, wenn der rote Faden nicht in der Mitte steht. Der Landeanflug unterscheidet sich nicht von dem mit geschlossenen Tragschraubern. Das von Trixy-Geräten bekannte gute Flareverhalten im bodennahen Bereich zeigt auch der TrixyFormer. Lediglich an die etwas größeren Steuerwege des relativ weit rechts außen liegenden Knüppels muss man sich in dieser Phase gewöhnen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Gyro-Testflügen kommt für mich das wirklich Interessante nach der Landung: die Trennung von TrixyGyro und TrixyCycle. „Die Bestzeit liegt bei 35 Sekunden“, sagt  Produktmanager Mitja Mastnak und erklärt mir die einzelnen Schritte: elektrische Steckverbindung lösen, beidseitige Halterung am Rahmen öffnen, zwei Bolzen unter dem hinteren Sitz herausdrehen und den Verbindungshaken im Dachbereich öffnen. Und schon steht die Flugeinheit alleine auf ihren beiden Rädern, und das E-Bike ist fahrbereit, sobald der Hauptschalter eingeschaltet ist. Das Strommanagement zwischen Batterie und Elektromotor, bei dem mehr als 100 Ampere fließen können,  übernimmt ein elektronisches Steuergerät. In Verbindung mit verschiedenen Sensoren zeigt ein Kombiinstrument wichtige Daten wie Ladezustand, Leistungsaufnahme, Temperaturen und Motordrehzahl an. Der 17 Kilogramm schwere Akku der Firma LZ-Design aus Slowenien besitzt 14 Zellen und eine Betriebsspannung von 57 Volt. Seine Kapazität reicht für ungefähr 150 Kilometer im kombinierten Stadt-/Überlandverkehr, bei dem man mit bis zu 70 km/h recht zügig unterwegs sein kann. Ein integrierter Mikroprozessor mit Kühlsystem sorgt dafür, dass jede Zelle optimal ent- und geladen wird.

Während ich aufsitze und das Zweirad vom Hauptständer nehme, weist mich Mitja eindringlich darauf hin, dass das Gas derzeit noch sehr sensibel eingestellt sei. Also drehe ich nur einen gefühlten Millimeter auf, aber das reicht schon, die Maschine losschießen zu lassen, sodass ich sofort die Bremsen ausprobieren muss. Mit beiden Beinen am Boden versuche ich es erneut. Auf der langen Startbahn bekomme ich langsam Gefühl für das Motorrad und nehme schließlich beide Füße auf die Rasten. Da diese aber am Vorderrad montiert sind, spürt man jede Lenkerbewegung auch in den Beinen, und das ist anfangs erst einmal gewöhnungsbedürftig. Ähnlich wie auf einem Chopper sitze ich in leichter Rückenlage, habe aber die Füße auf Höhe der Sitzfläche. Das erfordert mehr Balance. Da sich aber das gesamte Gerät noch in der Erprobungsphase befindet, werden sicherlich auch hier noch Änderungen einfließen.

aerokurier Ausgabe 10/2016



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