14.11.2015
Erschienen in: 06/ 2015 aerokurier

Weniger geht nichtAutoGyro Free

AutoGyro bietet den Bestseller MTOsport jetzt auch ohne Verkleidung an. „Free“ heißt der neue Tragschrauber, der seinem Piloten Nehmerqualitäten abverlangt.

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Verkleidung? Überflüssig! Der Free richtet sich an Frischluft-Fans. Foto und Copyright: Ganzmann  

 

Geschlossene Tragschrauber liegen im Trend. Warmluftheizung oder gar eine elektrische Sitzheizung sind gute Argumente für kalte Tage. Doch es gibt auch eine Gegenbewegung: Die zunehmend populäre 120-kg-Klasse hat den ultraleichten Minimalismus wieder salonfähig gemacht. Wo es nur geht, wird bei diesen leichten Geräten reduziert und gespart, in erster Linie natürlich bei der Verkleidung. Erinnerungen an die frühen UL-Tage kommen auf, als bereits ein Windabweiser als Luxus galt. Ein Modell auch für die Tragschrauberszene? 

Nicht unbedingt. Der ganz offene Einsitzer Cloud Dancer Light von Rotortec ist nicht wirklich ein Verkaufsschlager. Auch Weltmarktführer AutoGyro scheut sich, auf diesem Gebiet tätig zu werden. „Ja, wir haben schon über ganz offene Tragschrauber nachgedacht, aber die Nachfrage in Deutschland ist gleich null“, sagt Ute Hoja, die nationale Verkaufsleiterin. Ihr Kollege Guido Platzer, der die internationale Kundschaft betreut, ergänzt: „Für besondere Anwendungen in heißen Regionen haben wir so ein Gerät bereits in der Erprobung.“ 

Ein Tragschrauber für die heißen Regionen

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Seine Zelle hat sich beim MTOsport bewährt. Die Ballonreifen gibt es nur in der Exportversion. Foto und Copyright: AutoGyro  

 

Also doch! Ich hake nach: „Das will AutoGyro doch bestimmt nicht geheim halten?“ Natürlich nicht! Wir vereinbaren einen Termin für einen Testflug mit dem MTO Free.

Über Hildesheim hängt, entgegen der Vorhersage, eine fast geschlossene Wolkendecke. Es hat gerade mal fünf Grad, und immer wieder nieselt es. Das Objekt meiner Begierde steht noch im Verkaufsraum. Ich nutze die Zeit und schaue mir das Gerät genauer an. Es ist ein MTOsport, dem jegliche Verkleidungselemente fehlen. „Die großen Räder sind schon für den Wüsteneinsatz montiert, ansonsten ist alles unverändert“, sagen Ute Hoja und Guido Platzer. 

Dass man den Free in Deutschland kaum kennt, liegt am  verhaltenen Marketing – erst ein Exemplar ist derzeit in Kundenhand. Dabei ist die Musterzulassung längst erteilt. International ist der Free schon populärer: 20 Stück wurden ausgeliefert, vorwiegend in die Vereinigten Arabischen Emirate und nach Australien. 

Mittlerweile ist es Nachmittag geworden, die Temperatur ist immerhin um zwei Grad gestiegen, und der Himmel reißt immer mehr auf. Also: warm anziehen und darüber noch die winddichte Winterkombi stülpen. Der Einstieg ins offene Cockpit gleicht mehr einem Aufsitzen. Große Menschen wie ich tun sich leicht, kleinere brauchen wohl einen Tritt, um auf den Sitz zu kommen. 

Anlassen, rollen, vorrotieren, starten: alles wie mit einem MTOsport. Der Unterschied: Schon bei 80 km/h drückt mich der Fahrtwind kräftig in den Sitz. Bei 120 km/h Reisegeschwindigkeit wird es heftig. Es rüttelt und zieht an meinem Anzug, und ich spüre jede Windböe. Mit dem Rotax 914 im Rücken ist stets ordentlich Druck gewährleistet. 

Vollgas. Mit 145 km/h am Stau lässt mich die aufgeblähte Kombi zum Michelin-Männchen mutieren. Auch mit abgesenktem Visier habe ich das Gefühl, dass der Wind mir den Bart aus dem Gesicht reißt. Der Druck auf den Helm ist ungeheuer, und es scheint, als wolle er jede Sekunde nach oben wegfliegen. Gas raus und Fahrt abbauen.

Bei 80 km/h macht es am meisten Spaß

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Der turbogeladene Rotax 914 macht mächtig Druck. Foto und Copyright: Ganzmann  

 

Genial ist in allen Situationen natürlich die Rundumsicht. Nur der Instrumentenpilz mit den wichtigsten Anzeigen und einem GPS stört die Aussicht nach vorne. Bei 80 km/h ist der Spaßfaktor optimal, und ich habe den Eindruck, dem Free geht es ebenso. Wir turnen am Himmel herum und genießen die völlige Freiheit. Einmal ausgetrimmt, kann ich sogar die Hände vom Steuer nehmen, und ich lasse die Beine baumeln – ein völlig neues Gefühl. Nach einer halben Stunde wird es dann doch recht frisch. Es geht zurück zum Platz. Nach dem Aufsetzen spüre ich, wie warm sieben Grad sein können. 

Es fällt schwer zu glauben, dass der Free nur in Wüstenstaaten Abnehmer finden soll. Im Sommer dürfte dieser offene Tragschrauber nämlich auch hierzulande richtig Spaß machen. AutoGyro sollte etwas Mut beweisen und das Modell aktiv vermarkten. 

Technische Daten

Hersteller: AutoGyro, Hildesheim 
Zulassung: UL Sitzplätze: 2 
Bauweise: Gemischtbauweise 
Motor: Rotax 912 oder 914
Leistung: 74 kW/100 PS oder 85 kW/115 PS 
Leermasse: 242 kg
MTOW: 500 kg
Tankinhalt: 68 l/48 kg
Rotordurchmesser: 8,40 m
Länge: 5,08 m
Höhe: 2,71 m
max. Horizontalgeschw.: VH145 km/h
zul. Höchstgeschwindigkeit: 145 km/h
Reisegeschwindigkeit: VC120 km/h
bestes Steigen: 3,40 m/s

aerokurier Ausgabe 06/2015



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