28.04.2016
Erschienen in: 05/ 2016 aerokurier

Kunstflug mit ULsTwister Aerobatics

Aerobatics mit einem UL? In Deutschland verboten, in England kein Problem – ebenso wie die Landebahn im eigenen Garten. Das Twister Aerobatics Team zeigt mit dem kleinen Spitfire-Verschnitt aus Deutschland eine große Show.

Schmale Blasenhaube, elliptische Tragflächen und eine mit Schwung gezeichnete Silhouette: Im Gegenlicht sieht es so aus, als würden zwei Spitfire zum Tiefflug über die Piste ansetzen. Der Wingman folgt dem Führungsflugzeug wie ein Schatten. „Pitching, pitching, up!“, lautet das Kommando aus der vorderen Maschine. In der nächsten Sekunde ziehen die beiden Einmots steil nach oben, um nach einigen Wenden ein rauchendes Herz in den blauen Himmel zu malen. Allein die Geräuschkulisse verrät, dass nicht der britische Jäger aus dem Zweiten Weltkrieg das waghalsige Flugmanöver vorführt. Vielmehr fliegt hier ein modernes CFK-UL: die Twister des norddeutschen Bausatzherstellers Silence Aircraft. Pilotiert werden die Kleinflugzeuge von Peter Wells und Chris Burkett, auf Airshows besser bekannt als Twister Aerobatics Team. Mit ihrem etwa elfminütigen Programm fliegen sie jedes Jahr rund 50-mal vor begeistertem Publikum.

Ultralight und Kunstflugmanöver – „Das ist doch verboten!“, mag es da manchem deutschen Piloten durch den Kopf schießen. In Deutschland schon, doch in England sehen die Regularien anders aus. Dort ist die etwa 290 Kilogramm leichte Twister als herkömmliches „Fixed Wing Landplane“ registriert. Diese Klasse reicht von einem bis 750 Kilogramm. Damit ist es für die beiden Kunstflieger aus Long Crendon in der Nähe von Oxford kein Problem, die zugelassenen +6 und -4 g der Twister voll auszunutzen.

Doch wie kommt man darauf, mit einem UL Kunstflug zu betreiben? „Mein Traum war es schon immer, Kunstflug im Team zu zeigen, doch es brauchte eine abgefahrene Idee, um sich von anderen zu unterscheiden“, sagt Team Leader Peter Wells. Auf der AERO in Friedrichshafen 2004 wurde er schließlich fündig. Dort zeigte Silence erstmals seine Twister – und erregte großes Aufsehen. „Man hat den Stand vor lauter Menschen nicht gesehen“, erinnert sich Wells. „Ich wusste, da muss ich hin.“ 

Eine alternative Kunstflugstaffel

Der Ultraleicht-Bausatz faszinierte ihn sofort – nicht zuletzt auch die an die legendäre Spitfire erinnernde Optik. Mit diesem Flugzeug sah er seine Vorstellung von einer alternativen Kunstflugstaffel in Erfüllung gehen. So kaufte sich Wells einen ersten Bausatz der Twister. Die Montage war für ihn kein Problem, ist er doch Gründer von Zulu Glasstek, einem luftfahrttechnischen Betrieb, der sich auf die Reparatur von Verbundwerkstoffen spezialisiert hat. Eben jenem Material, aus dem auch die Twister hergestellt ist. Die Maschine, Kennung G-TWST, hob 2008 zum ersten Mal ab. Wells war sofort begeistert von ihren Flugeigenschaften. Einzig der originale, nicht kunstflugtaugliche Motor von Jabiru mit 80 PS trübte das Bild. „Mit ihm konnten wir das volle Potenzial des Flugzeugs nicht ausnutzen“, bedauert der 49-Jährige. 

Auf der Suche nach einer Alternative wurde man bei UL Power in Belgien fündig. Eine mit einem modifizierten Ölsystem ausgestattete Version des 2,6-Liter-Motors ist voll kunstflugtauglich und leistet 108 PS. Doch schneller wurde die Twister auch durch das Leistungsplus nicht: „Leider ist dieser Motor auch schwerer als das Originaltriebwerk, das frisst den Leistungsvorteil wieder auf“, bedauert Wells. 

So fällt dann auch sehr oft das Wort „underpowered“, wenn er über die Twister redet. Denn mit einem untermotorisierten Flugzeug sei ein Formationsflug gar nicht so einfach. Sein Verfolger Chris Burkett müsse sich die Energie schon sehr gut einteilen und ihm aufmerksam folgen. So werden fast alle gen Boden gerichteten Manöver im Leerlauf geflogen, damit Burkett die Chance hat, über die Zugabe von Gas zu korrigieren. „Ich kann Chris nicht sehen, weil er ja hinter mir fliegt, und könnte, wenn er zurückfällt, nicht rechtzeitig das Gas herausziehen.“ Wegen der Motorisierung liegen auch die Geschwindigkeiten im für eine Einmot normalen Bereich: Die meisten Manöver werden mit einer Geschwindigkeit um die 120 Knoten geflogen, die Anfluggeschwindigkeit beträgt rund 60 Knoten. 

Auch jenseits der Kunstflugtauglichkeit gab es Modifikationen. So hat Wells einige Stellen verstärkt, um beispielsweise das Aufbocken für einen Radwechsel zu erleichtern. „Die Twister ist schon von Haus aus ein sehr gutes Kunstflugzeug“, lobt er sein Gerät. Mit der ersten Maschine flog Wells drei Jahre lang Vorführungen alleine oder in Begleitung einer Segelkunstflugstaffel, dem Swift Aerobatics Display Team. 2009 erwarb er eine weitere Twister, die von Anfang an mit dem neuen Motor ausgerüstet war. Im darauffolgenden Jahr gründete er mit seinem Teamkollegen Guy Westgate das Duo Twister Aerobatics. Ihre erste Show führte die beiden nach Turkmenistan ans Kaspische Meer, wo sie bei der Einweihung des Turkmenbashi Airport erstmals ihr Programm zeigten. Angereist waren sie auf einem spektakulären Vier-Tages-Trip quer durch Europa – natürlich mit ihren Twistern. Die Route führte über Italien, den Balkan, Griechenland, die Türkei und Georgien nach Turkmenistan.

Die Twister als Werbemaskottchen

2011 konnten sie die schottische Vermögensverwaltung Scottish Widows Investment Partnership als Sponsor gewinnen, was die beiden zum SWIP-Team und dem Werbemaskottchen der Bank machte. Drei Jahre lang flogen Wells und Westgate in dieser Konstellation auf den Airshows Europas. Und auch auf nahezu allen Werbeplakaten von SWIP war das Twister-Duo zu sehen. 2013 verlängerten die Schotten den Vertrag nicht. Seitdem ist Wells auf der Suche nach einem neuen Titelsponsor, das Team flog nur noch einzelne Shows im Sponsorenauftrag, beispielsweise für DHL in Bahrain. Im Sommer sind die Twister Aerobatics nahezu jedes Wochenende auf einer Airshow in der Luft. „Manchmal sogar auf mehreren an einem Tag. Da kommen wir an, fliegen unser Programm und hüpfen direkt weiter zur nächsten“, erzählt der Pilot. Der Rekord liegt bei vier Airshows an einem Tag.

Seit der vergangenen Saison fliegt Wells mit seinem neuen Teamkollegen Chris Burkett, den er auf einer Flugschau in Bahrain kennenlernte. Der britische Kunstflieger flog seine Vorführungen auf einer Extra 300 und beeindruckte Wells mit seiner Präzision, was ihn als idealen Verfolger prädestinierte. Auch persönlich stimmt es zwischen den beiden. Dreißig Stunden haben sie vor der letzten Saison zusammen geübt. Gestartet sind sie dabei immer von ihrer Homebase, dem Baileys Field in der Nähe von Long Crendon nördlich von London. Das ist Wells private Graspiste – in keiner Karte zu finden, praktisch im Garten hinter dem Haus, neben der Pferdekoppel. Für einen Deutschen wirkt das surreal, aber von dieser ländlichen Idylle aus startet das Twister-Team auch zu den Airshows dieser Welt. Nur viertägige Anreisen nimmt Wells nicht mehr auf sich: „Die beiden Maschinen haben wir in zwei Stunden in einem Container, und dann greifen wir auf die Dienste von Luftspeditionen zurück“, erklärt er.

An neuen Ideen mangelt es Wells indes nicht: Er war 2010 der erste europäische Kunstflieger, der während der Dämmerung anstelle seiner Rauchanlage Pyrotechnik einsetzte, um so spektakuläre Funken am Himmel zu verteilen. Auch künftig soll es immer wieder Neues geben. „Ich habe noch einiges im Köcher“, sagt er mit einem Grinsen. Die Illusion einer Miniatur-Spitfire auf der Jagd nach der schönsten Figur wird also immer wieder aufs Neue in Szene gesetzt. 

aerokurier Ausgabe 05/2016

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Maximilian Kühnl


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