23.05.2015
Erschienen in: 10/ 2012 aerokurier

Flying DoctorHausbesuche mit dem Tragschrauber

Moderne Landwirtschaft bedient sich moderner Technik. Das gilt auch für die Tiermedizin. Dr. Steffen Kappelmann ist der einzige Tierarzt in Deutschland, der mit dem Tragschrauber zu seinen vierbeinigen Patienten fliegt.

Dr. Steffen Kappelmann hat sich als Veterinär auf Großtiere spezialisiert. Auch sein Äußeres passt dazu: Der 40-Jährige ist ein sportlicher Typ, groß, muskulös, und man sieht ihm an, dass er zupacken kann, wenn es drauf ankommt. Kappelmann ist verheiratet mit einer Tierärztin und Vater von zwei Kindern. Dass er heute mit dem Tragschrauber zu landwirtschaftlichen Betrieben rund um Ludwigsburg fliegt, hat eine eher traurige Vorgeschichte.

„Damals, das war 2004, war ich draußen im Westen des Landkreises, um Pferde zu impfen. Da erreichte mich der Notruf eines Landwirts aus dem äußersten Osten meines Einzugsgebiets. Eine Kuh hatte Probleme beim Kalben, es bestand Lebensgefahr für das Kälbchen. Ich ließ alles stehen und liegen und raste los. Im Berufsverkehr geriet ich in einen Stau und brauchte mehr als eine Stunde. Als ich ankam, war das Kalb tot, erstickt. Wäre ich in 20 Minuten da gewesen, hätte ich das Tier noch retten können. Mit dem Helikopter hätte ich das problemlos in der Zeit geschafft. Von da an beschäftigte mich das Thema und ließ mich nicht mehr los. Ich habe gerechnet und Preise verglichen, habe den Zeitgewinn ermittelt und kam zu dem Schluss, dass sich ein Helikopter, eine R22, für Flüge zu meinen zu betreuenden weiter entfernt liegenden Gehöften durchaus rentieren würde.“

Da stand nun die Idee, konträr dazu aber die Meinung der Ehefrau, die eine Kleintierpraxis betreibt und wenig mit der Fortbewegung in der dritten Dimension anfangen kann. Aber sie erkannte die längst erwachte Leidenschaft ihres Mannes und schenkte ihm 2006 einen Schnupperflug. Steffen Kappelmann war dann nicht mehr zu bremsen und entschied sich für den Erwerb der Hubschrauberlizenz. Zur Theorie fuhr er vom heimatlichen Sachsenheim zweimal wöchentlich nach Stuttgart, die praktische Ausbildung auf der zweisitzigen Robinson R22 folgte zügig, und Anfang 2009 erwarb Steffen Kappelmann in Donaueschingen parallel auch die Musterberechtigung für die viersitzige R44.

Sommer 2012: Ein großes landwirtschaftliches Anwesen bei Leonberg. Auf dem modernen Hof sind mehr als 300 Milchkühe beheimatet. Heute ist Steffen Kappelmann unterwegs, um die Tiere mit dem Ultraschallgerät zu untersuchen – reine Routinearbeit. In seinem zweisitzigen Tragschrauber des Musters MTOsport befinden sich rund 30 Kilogramm Gepäck: die Arzttasche natürlich und das Ultraschallgerät, aber auch die obligatorische Gummischürze, Gummistiefel sowie ein Laptop. Der Tragschrauber, der nahe seines Hauses auf einem landwirtschaftlichen Anwesen „geparkt“ ist, dient nun als schnelles Fortbewegungsmittel von Hof zu Hof, während sich auf den Straßen Baden-Württembergs der Berufsverkehr staut.

Zur Landung genügt eine lange ebene Wiese. Kein Thema für den Tragschrauber und keines für Kappelmann. Hier ist er schon oft gelandet. Niemand ist darüber irritiert, vielleicht ein paar radelnde Urlauber, die den fliegenden Tierarzt nicht kennen. Der Hof scheint verwaist. Kappelmann rollt den Tragschrauber in den Schatten des Stalls. Dort „begrüßen“ ihn unzählige schwarz-weiße Vierbeiner. Der Tierarzt telefoniert mit dem Landwirt und bereitet sein Equipment vor. Kurz darauf kommt der Bauer mit dem Traktor angefahren. Es hatte zuvor tagelang geregnet, und jetzt scheint endlich wieder die Sonne. Da ist das Einbringen des Getreides wichtiger als die Ultraschalluntersuchung. Der Landwirt bedauert, dass er das nicht früher abgesprochen hat. Kappelmann hat dafür volles Verständnis. Schnell verschwindet die Gummischürze wieder im Tragschrauber, und alle Utensilien werden sauber verpackt.


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