31.01.2016
Erschienen in: 02/ 2016 aerokurier

RUWE AEROAuch am Boden in der Luft

Die Flugschule Ruwe Aero bietet virtuelle Schulungsflüge für UL-Piloten an.

Strausberg-Turm, die D-MSIM dreht in den Endanflug zur Piste 05“, melde ich. „Der Wind liegt genau quer auf der Bahn mit 15 Knoten, Böen bis 25 Knoten“, schallt es zurück. Kaum bin ich mit meiner Viper auf der Centerline, da drückt mich der Wind kräftig zur Seite, und ich muss mit hängender Fläche und entsprechend großem Vorhaltewinkel die Richtung halten. Zusätzlich schütteln mich immer wieder heftige Böen durch und stören meinen Anflug. Kurz vor dem Aufsetzen kreuzt zu allem Überfluss auch noch ein Schwarm Vögel den Platz, und ich werde von einem getroffen. Die Frontscheibe bekommt Risse, und Blut verteilt sich. Unter diesen widrigen Umständen wird die Landung zwar nicht bilderbuchmäßig, aber immerhin bleibt sie knitterfrei. Als ich auf der Parkposition nach Klarliste abstelle, wird die Tür geöffnet und ein Mann fragt mich mit erwartungsvollem Lächeln: „Na, wie gefällt dir unser Simulator? Noch `ne Runde gefällig? Diesmal vielleicht mit Ruder- und Motorausfall?“

Es ist Klaus Dieter Tschäpe, Inhaber der Ruwe Holding GmbH, zu der auch die Flugschule Ruwe Aero GmbH gehört. Der 58-Jährige begann sein Fliegerleben noch bei der Flugschule Aero-Light Club, hatte aber eine andere Vorstellung von fliegerischer Ausbildung. So kaufte er im August 2015 kurzerhand diesen Betrieb auf, nahm viel Geld in die Hand und modernisierte nicht nur den Flugzeugpark, sondern auch Gebäude, Ausstattung und Personal. „Ich möchte zeigen, dass man nicht nur in der kommerziellen Fliegerei, sondern auch im UL-Bereich qualitativ hochwertig ausbilden kann“, konstatiert er. Diesen Eindruck bekam ich schon beim Betreten des neuen, 240 Quadratmeter großen Büro- und Schulungsgebäudes. Da gibt es einen großzügigen Empfangs- und Wartebereich, wo Gästen auf mehreren Monitoren das aktuelle Fluggeschehen am Platz gezeigt wird. Die Unterrichts- und Vorbereitungsräume sind alle mit modernsten elektronischen Geräten ausgestattet und miteinander vernetzt.

In dem 455 Quadratmeter großen Hangar, in dem gerade die firmeneigene Werkstatt aufgebaut wird, stehen neun fast nagelneue Flugzeuge für Schulung, Rundflüge und Charter bereit. 

Und weil Tschäpe auch ein professionelles Erscheinungsbild wichtig ist, trägt die gesamte Schulcrew einheitliche Kleidung. Das Highlight der Ruwe Aero aber ist natürlich der Full-Motion-Simulator für Ultraleichtflugzeuge. Ausbildungsleiter Klaus Heinig, ein ehemaliger Militärpilot, erläutert mir das Schulkonzept: „Alle zwei Monate führen wir hier in Strausberg oder in Berlin einen Theorieblock mit 80 Unterrichtsstunden durch, wobei das BZF bei uns zur Standardausbildung gehört.“ Wenn es zeitlich und wettermäßig passt, dann kommen die Flugschüler parallel dazu auch schon ins Cockpit. 15 Fluglehrer stehen zur Verfügung, die übrigens regelmäßig selbst eine interne Prüfung durchlaufen müssen. 

Defizite erkennen und darauf eingehen

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Der Pult-Operator ist Techniker, Fluglotse und Wettergott zugleich. Foto und Copyright: Ruwe Aero  

 

„In der elektronischen Schülerakte wird der Lernfortschritt detailliert dokumentiert, damit wir jederzeit Defizite erkennen und darauf gezielt eingehen können“, erklärt er weiter. Für den Theorieblock müssen die Schüler 800 Euro bezahlen und erhalten dafür alle benötigten Lehrbücher, Kartenmaterial und Navigationsbesteck, den Fliegertaschenkalender und sogar ein wertiges Kniebrett.

Betriebsleiter Derek Hans Pokorny stellt mir das neue KAPIair vor, das in alle Flugzeuge eingebaut wird. Damit kann man jederzeit Position, Flugweg, Höhe, Geschwindigkeit usw. am PC abrufen. Außerdem zeichnet es selbstständig Flugbetriebsdaten auf und meldet Überschreitungen ausgewählter Parameter sofort per SMS an die Schule. „Wir können mit dem KAPI auch eine Box definieren, in der sich der Flugschüler aufhalten muss“, erklärt er. „Beim Verlassen dieses Bereiches erfolgt die sofortige Benachrichtigung, und wir können den Schüler über Funk darauf aufmerksam machen und ihm helfen.“ Ist ein Flugschüler beispielsweise solo zu einem Flugplatz unterwegs, kann dieses Gerät den Lehrer daheim über die Landung informieren. Ganz nebenbei speichert es auch die Flugzeiten und sendet sie zur Dokumentation und Abrechnung an das Netzwerk der Schule.

Simulator für Anfänger und Fortgeschrittene

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Fast wie im richtigen Flugzeug: Das Simulatorcockpit orientiert sich am ultraleichten Vorbild. Foto und Copyright: Ruwe Aero  

 

Aber zurück zur virtuellen Fliegerei. „Den Flugsimulator setzen wir nicht nur in der Grundschulung ein, sondern auch zum Verfahrenstraining für ausgebildete Piloten und interessierte Fluggäste“, sagt Klaus Dieter Tschäpe. Die Anlage besteht aus einem komplett ausgestatteten Flugzeugvorderteil in Originalgröße, das elektrisch um alle drei Achsen bewegt werden kann. Drei große Monitore generieren eine Rundumsicht von 180 Grad, die in Kürze auf 220 Grad vergrößert wird. Im Inneren stellen zwei Multifunktionsdisplays alle gewünschten Flugbetriebs- und Navigationsdaten zur Verfügung. 

Am Bedienpult kann der Operator, der gleichzeitig die Funktion des Fluglotsen übernimmt, mehr als 60 Missionen einspielen. Darunter sind auch Störungen, die UL-typische Reaktionen wie das Ziehen des Rettungssystems erfordern. Beim Debriefing lässt sich dann der Flug sekundengenau rekonstruieren und analysieren. Im Simulator könnten wiederkehrende Fehler des Flugschülers wie beispielsweise Schieben im Landeanflug konsequent abtrainiert werden – dank des Stundenpreises von 65 Euro um etwa die Hälfte billiger als im richtigen UL. Lizenzinhabern bietet Ruwe zudem die Chance, sich auf bestimmte Szenarien wie Vogelschlag virtuell vorzubereiten und die notwendigen Reaktionen und Handgriffe zu erlernen.

Klaus Dieter Tschäpe ist es gelungen, in kürzester Zeit eine ausgesprochen moderne Flugschule aufzubauen, die demnächst sogar ISO-zertifiziert sein wird. Sein Ziel, jährlich 60 Piloten auszubilden, dürfte realistisch sein, denn eine so fortschrittliche Lernumgebung ist im UL-Segment selten. Die gebotene Qualität dürfte sich in der Szene schnell herumsprechen.

Kontaktdaten

Ruwe Aero GmbH
Flugplatzstraße F 3, Haus 1, 15344 Strausberg 
Telefon: +49 3341  306570 
www.ruwe.aero
info@ruwe.aero 

aerokurier Ausgabe 02/2016



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