29.09.2016
Erschienen in: 09/ 2016 aerokurier

Fliegender BachelorStudium zum Pilotenschein

Pilot ist ein Ausbildungsberuf. Richtig. Doch immer mehr Flugschulen bieten zusätzlich zum reinen Scheinerwerb ein integriertes Studium mit Bachelor-Abschluss an.

Nach zwei Jahren Ausbildung könnte die Situation für Flugschulabsolventen derzeit kaum schlechter sein: Die begehrten Arbeitsplätze im Cockpit sind selten, und die Arbeitsbedingungen bei vielen Günstigfliegern längst nicht mehr so gut wie erhofft. Auf viele fertig ausgebildete Verkehrspiloten wartet daher nach der anspruchsvollen und vor allem teuren Ausbildung häufig die Arbeitslosigkeit. Denn eine abgeschlossene Pilotenausbildung taugt zu nicht viel mehr als dem Fliegen eines Flugzeuges. Das haben auch die Flugschulen erkannt. Immer mehr bieten aus diesem Grund auch Lehrgänge mit einem integrierten Studium an. So haben die Absolventen nach etwa drei Jahren zwei Standbeine: einerseits ein Hochschulstudium mit einem Bachelor-Abschluss und auf der anderen Seite eine Lizenz zum Fliegen von Verkehrsflugzeugen – dem Traum der meisten Absolventen. 

Die Verkehrsfliegerschule Aero Beta mit Sitz am Flughafen Stuttgart bietet gleich zwei Studiengänge an, um die angehenden Piloten auf eine breitere Basis zu stellen. Gesellschafter Hannes Braitmaier, selbst Flugkapitän, ist sich trotz der momentanen, schwierigen Situation auf dem Arbeitsmarkt sicher: „Von unseren Absolventen, die zusätzlich ein Studium haben, wird definitiv keiner arbeitslos werden.“ 

Vor drei Jahren wurde der Bachelor-Studiengang Maschinenbau und Mechatronik mit der Vertiefung Aeronautical Engineering aus der Taufe gehoben. Er findet an der öffentlichen Hochschule in Karlsruhe statt, auf die Teilnehmer kommen studienseitig daher nur die normalen Studien- und Semesterbeiträge zu. Die ersten drei Semester bilden das Grundlagenstudium, ab dem vierten finden die luftfahrtspezifischen Vorlesungen statt, darunter Fächer wie Flugzeugsysteme, Avionik, Triebwerke und Meteorologie. Das fünfte Semester zeichnet diesen Studiengang aus, denn hier haben die Studierenden die Wahl: Im Rahmen des Praxissemesters können sie entweder klassisch ein Praktikum in einem Unternehmen absolvieren oder in den Genuss der umfangreichen Theorie für die Pilotenlizenz kommen.

Der ATPL-Unterricht findet in dem halben Jahr bei Aero-Beta in Stuttgart statt. Anschließend steht es den Aspiranten offen, ob sie sich den Theorieblock nur für die Vertiefung anrechnen lassen oder zusätzlich noch die Theorieprüfung beim Luftfahrt-Bundesamt in Braunschweig absolvieren möchten. Damit ist der Weg zur Lizenz geebnet, denn dann fehlt nur noch die praktische Ausbildung. 

Während des Praxis­semesters fliegen lernen

Doch zunächst folgen auf das fünfte Semester noch zwei an der Hochschule, in denen eine Projekt-arbeit und der Bachelor-Abschluss auf dem Programm stehen. Im Anschluss daran können die Schüler mit absolvierter Theorieprüfung ihre praktische Flugausbildung bei Aero-Beta absolvieren. Diese dauert in der Regel ein knappes Jahr. Insgesamt stellt die Stuttgarter Flugschule ihren Absolventen für die Frozen-ATPL-Lizenz 66 000 Euro in Rechnung. Mit der Lizenz können die Jungpiloten auf Jobsuche als Copilot bei den Airlines gehen. Auf der anderen Seite qualifiziert das Studium mit dem Bachelor of Engineering für Ingenieursaufgaben. Die Maschinenbauer sind befähigt, in die Konstruktion oder Produktion der Hersteller einzusteigen. Im Idealfall verbinden sich beide Ausbildungsbereiche, und die Absolventen können als Flugversuchsingenieure arbeiten. 

Einen anderen Ansatz verfolgt der sechssemestrige Studiengang Aviation Management and Piloting der FH Worms. Hier ist Aero-Beta lediglich Dienstleister für die Praxisausbildung. Koordiniert wird dieses Ausbildungsprogramm vom European Institute of Aviation and Business (EIAB). Die Studieninhalte werden in Worms im Fachbereich Touristik der Hochschule vermittelt. Dabei stehen betriebswirtschaftliche und luftfahrtspezifische Vorlesungen auf dem Programm. Die praktische Sichtflugausbildung findet  während des dritten Semesters im Florida Flight Training Center in den USA statt. Die Theorie für die ATPL-Lizenz lernen die Flugschüler in einem Fernlehrgang über Civil Aviation Training (CAT). Die Flugstunden für die Instrumentenflugberechtigung finden in den letzten drei Semestern in den vorlesungsfreien Zeiten bei Aero-Beta an den Standorten in Mannheim und Worms statt. Das MCC-Training, das die Zusammenarbeit mehrköpfiger Besatzungen optimiert, führt die TFC in Essen durch. Für die gesamte Ausbildung haben die angehenden Piloten einen Vertrag mit der EIAB, an die auch der Pauschalpreis von 76 500 Euro bezahlt wird. Den Abschluss bilden ein Bachelor of Science sowie die Verkehrspilotenlizenz. Felix Geissler, der den Studiengang im vergangenen Herbst begonnen hat, sieht sich nach der Ausbildung gut aufgestellt: „Wenn ich keinen Platz im Cockpit finde, kann ich bei einer Airline, einem Flughafen oder einem Reiseunternehmen arbeiten.“ Aus wirtschaftlicher Sicht ist der 18-Jährige gut gerüstet – und  sieht seinen Traum vom Fliegen gut abgesichert. 

Auch der Branchenprimus Lufthansa stattet einen Teil seiner Pilotenanwärter noch mit einem Studium aus: Diese studieren an der Hochschule Bremen Internationale Luftfahrtsystemtechnik und -management und absolvieren parallel dazu im vierten und fünften Semester ihre fliegerische Ausbildung an der Verkehrsfliegerschule der Lufthansa. Auch sie haben anschließend einen Hochschulabschluss und eine Pilotenlizenz – allerdings einen MPL, der sie zunächst nur dazu berechtigt, bei Lufthansa zu fliegen. Auf der anderen Seite müssen sie keine Ausbildungskosten vorschießen – bis zuletzt hat Lufthansa ihnen die Ausbildung vorfinanziert, und die Rückzahlung wird erst bei einer Festanstellung fällig. Wie es allgemein an der Flugschule der Lufthansa weitergeht, ist aufgrund des geringen Personalbedarfs derzeit noch fraglich. Der ILST-Studiengang steht auch Flugschülern von anderen Flugschulen offen: So sitzen in den Vorlesungen Flugschüler der Flugschulen RWL aus Mönchengladbach oder InterCockpit in Frankfurt. 

Für diese Zielgruppe ist auch die Flugschule TFC Käufer aus Essen interessant: Am 1. März startete an der privaten Hochschule FOM zum ersten Mal der Studiengang Business Administration mit der Vertiefungsrichtung Aviation Management. Hier lernen die Studierenden neben betriebswirtschaftlichen Grundlagen auch flugbetriebliche Abläufe, Flugrecht und logistische Prozesse. Die Vertiefungen finden jeweils an der Flugschule statt. Da die FOM keine öffentliche Flugschule ist, werden alleine für das Studium gut 13 000 Euro an Studiengebühren fällig. Das Studium kann, wie auch bei Aero-Beta, alleine aufgenommen oder mit der Pilotenausbildung an der TFC kombiniert werden – wofür weitere knapp 70 000 Euro fällig werden. 

Eines ist allen Ausbildungsangeboten gemein: Sie kosten mehr Fleiß als eine reine Pilotenausbildung – wer sie beendet hat, steht auf einer breiteren Basis und kann die momentane Flaute im Cockpitarbeitsmarkt überbrücken.

aerokurier Ausgabe 09/2016

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Maximilian Kühnl


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