15.01.2008
aerokurier

Aachens fliegende OldtimersammlungStearman, T-6 & Co.: Aachens fliegende Oldtimer

Ein Schild im Stil amerikanischer Parkverbotshinweise an der dem Vorfeld zugewandten Hallenmauer vermittelt eine erste Idee, welcher Geist hier in Aachen-Merzbrück wohl herrschen mag: "Stearman Parking Only – All others will be tied."

Aachen_3

 

 


Die metallene Tür trägt noch immer das verwaschene Blaugrau, wie man es in älteren militärischen Liegenschaften häufig sieht.  Der simple, unlackierte Griff ist von ungezählten Händen blank gewetzt. Ein Schwelle, etwa eine Handbreit hoch, ist zu überschreiten, um die Halle zu betreten.
Es ist nicht wirklich hell dort drinnen, wenn die Deckenleuchten nicht brennen, Tageslicht gelangt nur durch die kleinteiligen, verblassten Fenster in die altmodische Halle. Und so wird es wohl manchem Besucher, der zum ersten Mal die Oldtimer-Sammlung auf dem Flugplatz Aachen-Merzbrück besucht, so ergehen, dass den ersten starken Eindruck nicht die Augen liefern, sondern die Nase: Es riecht nach Flugzeugen, nach alten, lebendigen, charakterstarken Flugzeugen. Die Nase atmet den Geruch von Sternmotoren, Doppeldeckern und Ledersitzen.

Die Liste der in Aachen-Merzbrück beheimateten historischen Flugzeuge liest sich wie ein Geschichtsbuch des einmotorigen Fliegens im Zeitraffer: Great Lakes, Stampe SV-4, Boeing Stearman, Harvard T-6, Yak-18, Pilatus P-3. Hinzu kommen eine RV-7, die das Konzept des modernen Eigenbaus repräsentiert, eine Extra 300 als Vertreterin der rassigen Kunstflugzeuge und eine PC-7 als Delegierte der Kategorie der exklusiven Hochleistungs-Turbinen-Singles, die regelmäßig vorbeischaut. Und es kommen immer wieder außergewöhnliche Muster hinzu.

Die Aachener Oldtimer-Sammlung ist alles andere als ein Museum. Die historischen Flugzeuge werden regelmäßig geflogen, sogar ziemlich ausgiebig geflogen, der Schnitt, so hört man, liege bei 150 bis 200 Stunden im Jahr. Legendär ist die Forschungsreise von zwei T-6 zum Nordkap, die dabei 2715 Nautische Meilen abgespult haben.

Die Begeisterung für formschöne und kraftvolle alte Flugzeuge muss eine Art Virus sein, der, einmal übergesprungen, sich dauerhaft in seinem Träger festsetzt. Josef Schumacher zum Beispiel ist vor nicht allzu langer Zeit befallen worden. Seinen PPL hat er erst vor wenigen Jahren erworben. Heute blickt er bereits auf mehr 300 Stunden in seiner im Jahr 2002 gekauften AT-6 in imposantem Royal-Air-Force-Dekor zurück. "Das T-6-Fliegen", sagt er, "ist ein Stück Lebensfreude."
Zuvor hatte der gelernte Kfz.-Mechaniker zwei Schrauberjahre bei dem T-6- und Stearman-Besitzer Jürgen Kraus verbracht, den alle hier nur "Onkel Jürgen" nennen und von dem es heißt, dass er von jeder Schraube die Bestellnummer im Kopf habe.

Überhaupt die Spezialisten. Zum Kreis der Aachener Oldtimerenthusiasten gehört eine Reihe von Piloten mit anerkannter Kompetenz auf einem Fachgebiet. So gilt der eine als alter Fuchs der Metallverarbeitung, der andere als Lackierkünstler, Holzbauexperte oder Bespannungsmeister.
Und alle zeigen sie fast schon ehrfürchtig mit dem Finger auf den "Motorendoktor" Jupp Hendricks mit dessen phänomenalen Kenntnissen und seiner unglaublichen Werkzeugsammlung.
Es ist dieses Miteinander, so kann man von allen Seiten hören, das fraglose Aushelfen und Mitanpacken, das den Betrieb dieser anspruchsvollen Oldtimer in diesem Umfang erst möglich macht.

"Nur so geht das", sagt Jürgen Kraus, "es ist ein Geben und Nehmen." Geschraubt, montiert und poliert wird mit Hingabe in Aachen-Merzbrück, wie schon der erste Blick auf die spiegelnde Haut etwa der blaugelben USAAC-Stearman oder der dunkelblauen T-6 "Out of Africa" von Ingo Cremer lehrt.

Wird gerade mal nicht an den Flugzeugen gearbeitet, dann wird damit gearbeitet. Jeden Freitag ist unter Anleitung von Jürgen Kraus Trainingsnachmittag. Kraus ist einer der Wenigen mit der "Display Authorization" nach Royal-Air-Force-Standards und leistet auf diese Weise den Wissenstransfer von Duxford nach Aachen.
Das Programm beginnt gewöhnlich mit einem Briefing über die Verteilung der Rollen, über die Positionen in der Gruppe, über die zu fliegenden Manöver und die Auflösung der Formation.
Geübt wird auch der schwierige Wechsel der Formation im Flug. Eine Stunde oder länger kann die Übungseinheit dauern, die gerne mal mit einem bühnenreifen "Run and break" beendet wird, der mit äußerster Präzision zu fliegenden Umgruppierung der Formation kurz vor der Schwelle mit anschließender versetzter Landung.

Gemeinsame Auftritte absolvieren die Klassiker-Piloten als "Banana Republic Air Force". Entstanden aus einer Bierlaune, soll das Abzeichen durchaus als Anspielung auf den Stellenwert des Fliegens hierzulande verstanden werden. A propos Bierlaune: Wenn nicht geschraubt und nicht geflogen wird, bleibt nur noch ein Ort, um die vom Oldtimer-Virus Infizierten zu finden: die zünftige Piloten-Lounge hinter dem Stearman-Only-Schild. Dieses sollte nicht allzu wörtlich genommen werden: Gäste mit interessanten Flugzeugen sind immer willkommen.   
(MS)




  • Hersteller

    Lade...

  • Typ

    Bitte Hersteller auswählen!

aerokurier 12/2016

aerokurier
12/2016
23.11.2016

Abonnements
Digitalabo
Heft-Archiv
Einzelheft bestellen


- Pilot Report Me 262
- Reise: Südwest-Frankreich
- Pilot Report Remos GXiS
- Trixy Spirit
- Flugzeug einmotten
- Ventus Generation 3
- Fliegen über der Kalahari

Gebrauchtflugzeuge, Luftfahrtzubehör, Reiseangebote und vieles mehr:

aerokurier Online-Markt

aerokurier iPad-App