01.05.2017
Erschienen in: 04/ 2017 aerokurier

ReiseStreckenfliegen in Namibia

Kenner schwärmen von Veronica: faszinierend, schön, serviceorientiert. Gemeint ist aber keineswegs eine weibliche Attraktion, sondern das neue Segelflugzentrum in Namibia.

Wenn die Tage kürzer, nasskalt, eben ungemütlich werden und es einen nach drinnen zieht, überfällt viele Segelflieger ein hochansteckendes Virus: die Namibia-Influenza. Zwei der Befallenen sind Heinz Berlin und Jürgen Depil. Jetzt wurden sie von Veronica bezirzt.

Gleich an ihrem zweiten Flugtag Mitte November – also noch beim Warmfliegen – vollenden sie mit einem Arcus M das erste 1009-km-Dreieck von Veronica aus und erzielen 1125 OLC-Punkte. Und das, obgleich sie gar nicht auf besonders herausragende Bedingungen treffen.

Anfangs geht es schwerfällig und nur sehr niedrig im Blauen nach Osten voran. Doch dort bleiben die klassischen Wolkenstraßen aus. Die beiden erfahrenen Namibia-Piloten kennen aber die Hotspots – und zu ihrer Freude gehen diese ganz gut. Ihr Ziel dann: die Kante im Westen, die wilde Berglandschaft zwischen Namib und Kalahari, oft Trennlinie zwischen der heißen Inlands- und der kühleren Atlantikluft. Aber hier stellt sich an diesem Tag mal nicht die begehrte Konvergenz ein, die rasend schnelles Vorankommen ermöglichen kann. Die beiden orientieren sich wieder mehr ins Innere der Kalahari und haben um 15 Uhr nicht einmal die 500 Kilometer voll. Der Glaube an die 1000 Kilometer ist begraben.

Richtung Mariental, gut 200 Kilometer südlich von Veronica, läuft es plötzlich, und der Mathematik-Prozessor wird angeschmissen. Wie weit können sie noch? Welchen Schnitt müssen sie halten? Der Sonnenuntergang kommt mit jeder Minute näher. Entscheidung: Eine Wolke geht noch und den Bart so hoch wie möglich mitnehmen.

Dann auf zum Endanflug! Heinz Berlin und Jürgen Depil sind die letzten, die das Tal des Olifants entlanggleiten, und landen sicher. Auch wenn die Piloten in Bitterwasser und Kiripotib im Trainingscamp mit den Champions an diesem Tag noch weiter ausgeholt haben, die beiden haben Veronica mit dem ersten Tausender eingeweiht.

Ist das noch zu toppen, fragen sich Heinz und Jürgen. So früh im Jahr ein Tausender mit einem 125er-Schnitt, was will man mehr?! Aber es gibt mehr ...

Die beiden absolvieren auch noch den schnellsten Flug des Zentrums. 462 Kilometer reiten sie in 150 Minuten ab. Ein 185er-Schnitt bringt knapp 170 OLC-Speedpunkte. Auf die
Frage, wie sie das hinbekommen haben, antwortet Heinz trocken: „Du musst eben 185 km/h schnell fliegen und darfst keinen Kreis machen.“

Natürlich fliegen die beiden Piloten an dem Tag nicht nur 462 Kilometer, sondern wieder weit über 1000. Nach einem guten und späten Anfang Richtung Nordwesten geht es entlang der berühmt-berüchtigten Kante nach Süden in Richtung Helmeringhausen. Hier beginnt unerwartet der schwierigere Teil des Fluges mit noch schwächelnder Blauthermik. Aber der Blick in den Rückspiegel zeigt, die heiß ersehnte Konvergenz in Form einer Wolkenwurst baut sich auf und der Speed-Durchmarsch kann beginnen.

Nachdem der erste Tausender gefallen ist, geht es Schlag auf Schlag mit vierstelligen Streckenflügen weiter. Warum das gerade in Veronica gut gelingt? Einmal ist Namibia in unserem grauen Winter ganz allgemein ein heißes Pflaster. Hier gibt es Basishöhen, von denen wir in europäischen Gefilden nur träumen können, und „Fahrstühle“, die einen mit rasanter Geschwindigkeit in die Höhe katapultieren. Wohlgemerkt, das Ganze thermisch und nicht in der Welle.

Der große Vorteil von Veronica als das östlichste aller Segelflugzentren in Namibia ist der nahezu direkte Anschluss an die Wolkenthermik im Osten. Die ersten Wolken entstehen meist weit im Osten, dort, wo die innertropische Konvergenzzone Feuchtigkeit ins Land bringt. Von Veronica aus fällt der Flug in Blauthermik mit niedriger Arbeitshöhe bis zu diesen Thermikbojen nicht so weit aus. Für große Flüge müssen die kurzen Tage unter dem südlichen Wendekreis möglichst von der ersten Thermik an genutzt werden, das heißt Abflug, wenn die Blauthermik bis 1000 Meter über Grund reicht.


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Stephanie Keller


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