08.09.2016
Erschienen in: 08/ 2016 aerokurier

Mal den Sprung wagenMit der Legend nach Stockholm

Viele UL-Piloten sind Kirchturmflieger. Oft gibt es Hemmungen, die nähere Umgebung des Heimatplatzes zu verlassen. Von Ballungsräumen mit großem Verkehrsaufkommen oder gar ausländischen Lufträumen halten sich Schönwetterflieger mangels Routine lieber fern. Gerade eine Städtetour kann aber mit fantastischen Erfahrungen belohnen.

Bist du verrückt? Das kannst du doch in so einem Luftraum nicht einfach fragen!“ Klar kann ich, mehr als ein Nein werde ich schlimmstenfalls nicht zurückbekommen. Die Bestürzung meiner Freundin löst sich, als kurz darauf die nette Dame vom ATC Stockholm meiner Anfrage stattgibt, den Hafen und die Altstadt zu überfliegen. Eine wunderbare Aussicht auf die Sehenswürdigkeiten der schwedischen Hauptstadt ist der Lohn für die lange Reise – und für meine Selbstüberwindung.

Zugegeben: Früher hatte ich Schwierigkeiten, die Komfortzone meiner Fliegerbasis Eggersdorf (Gemeinde Müncheberg bei Berlin) zu verlassen. Meine Pflichtstrecken habe ich natürlich absolviert und zeitnah zum Scheinerwerb auch das Flugfunkzeugnis in englischer Sprache (BZF 1) gemacht. Zwar kenne ich das Gebiet zwischen Oder und Spree wie meine Westentasche, mir fehlte aber die Sicherheit für größere Unternehmungen. Der Gedanke an das Aufgeben eines Flugplans und die Unterschiede im Luftrecht anderer Staaten schauderte mich. Ich könnte ja etwas übersehen und Fehler begehen. Meine Angstgegner waren Verzerrungen und undeutliche Aussprache im englischen Flugfunk. So festigte sich die psychische Blockade.

Die Gelegenheit für eine längere Flugreise bietet sich, als meine Freundin für ein Semester in Stockholm forscht. Ich habe in den letzten Jahren viele Städtereisen gemacht, warum soll ich nicht mal anders ankommen als mit blau gefleckten Knien im easy-Jet? Der Plan wird dadurch begünstigt, dass im Vorjahr eine Legend 540 des tschechischen Herstellers Aeropilot Einzug in den väterlichen Hangar hielt. Wer die Möglichkeiten einer solchen Reisemaschine mit geräumiger Kabine, solider Reisegeschwindigkeit und High-End-Ausstattung mit erweiterten Platzrunden verschwendet, ist selber schuld.

Glücklicherweise lässt sich mein Vater von diesen Argumenten überzeugen. Er stellt das Flugzeug, ich übernehme die Planung. Auch für ihn ist es eine Premiere. Auf dem Hinflug  wollen wir eine Zwischenlandung auf Gotland machen. Der Heimflug soll uns über Südschweden führen, das mit romantischen Erinnerungen an Astrid Lindgrens Geschichten verbunden ist. Über die Dächer des Katthult-Hofs von Michel aus Lönneberga brausen und wettfliegen mit Karlsson vom Dach – das wär’s!

Doch zuerst muss der Flug sorgfältig geplant werden. Im Internet sind die Luftraum- und Flugplatzkarten der meisten Länder kostenlos verfügbar. Ein vollständiger Satz von ICAO-Papierkarten darf natürlich auch nicht fehlen. Ich versuche mir das Layout jedes Platzes einzuprägen, lerne die Namen der Pflichtmeldepunkte und Rollwege und schreibe mir jede Funkfrequenz auf, die ich mal brauchen könnte.

Für den Flug kommt uns das Fassungsvermögen der Flächentanks von je 50 Litern zugute, was uns aber zu einem sehr vorsichtigen Gewichtsmanagement nötigt. Denn die maximale Startmasse liegt bei nur 472,5 Kilogramm, alles inklusive. Der Hersteller gibt die Reichweite mit 1300 Kilometern oder sieben Flugstunden an, wir haben also ein ordentliches Polster. Wir müssen mit zwei leichten Taschen auskommen und vorschriftsmäßig Rettungswesten tragen. Erst am Vorabend fällt die Entscheidung, doch nicht den City-Airport Bromma in Stockholm anzufliegen, da die Preise für Handling und Abstellen astronomisch sind. Wir entscheiden uns stattdessen für den kleinen Grasplatz Skå-Edeby etwa 30 Kilometer nordwestlich der Stadt.

Start bei Sonnenlicht

Im ersten Sonnenlicht brechen wir von Eggersdorf auf. Die Legend liegt zwar schwer in der Luft, der 100-PS-Motor von Rotax fühlt sich aber nicht überfordert an. Bis zur Ostsee dauert es eine Stunde, genug Zeit, um zu steigen. Richtung Norden zieht es sich immer mehr zu, auf Usedom liegt die Wolkenuntergrenze bei 1500 Fuß. Wir müssen sinken, verlieren den Funkkontakt zum Fluginformationsdienst, und ich wechsle auf die Frequenz von Heringsdorf. Direkt an der Küste wird das Wetter wesentlich besser, nun geht es über das offene Wasser, und wir können wieder Höhe gewinnen. Ich konnte die Ostsee als Meer nie richtig ernst nehmen, aber als ich in keiner Richtung mehr Land sehen kann, flößt sie mir doch Respekt ein. Unser erster Kontrollpunkt und potenzieller Notlandeplatz ist die dänische Insel Bornholm, die wir in 6000 Fuß passieren. Die Luft ist ruhig, die Legend fliegt wie auf Schienen. Dank elektrischem Verstellpropeller schafft sie eine Geschwindigkeit von über 200 km/h über Grund.

Mit der Zeit werden die Wolken wieder dichter, darunterzusinken scheint mir aber wenig sinnvoll. Wenn ich die Wahl habe, entweder über einer Fläche von verdampftem oder flüssigem Wasser zu fliegen, entscheide ich mich für die Option mit Sonnenlicht und Höhe. Mit dem Passagierflugzeug bin ich schon oft über den Wolken gewesen, aber das war etwas ganz anderes. Es ist ein Gefühl wie in einer zeitlosen Blase, niemand anders ist zu sehen, und das gleichmäßige Wummern der Luftschraube macht es fast meditativ. Wie eine Nussschale auf dem Meer treiben wir unserem Ziel entgegen.

Wir passieren die Südspitze der schwedischen Insel Öland, und eine halbe Stunde vor Visby auf Gotland müssen wir doch mal unter die Wolken. Jetzt rächt sich, den Sinkflug so lange herausgezögert zu haben. Ich erspähe aber das einzige Loch, nehme das Gas raus und schlüpfe hindurch. Zum Glück ist die Wolkenschicht nicht sehr dick. So dicht über dem Wasser zu fliegen, macht mir ein mulmiges Gefühl, meine Berechnungen ergeben eine Gleitzeit von drei bis vier Minuten bei Motorausfall. Unter uns folgen viele Schiffe einer Handelsroute, das beruhigt. Wir fliegen nun über drei Stunden, so lange am Stück war ich noch nie in der Kiste. Mein Körper macht mir klar, dass die limitierenden Probleme eher die Haltekraft der Blase und die Belastbarkeit des Sitzfleisches sind als die Kraftstoffreserve. Die Landung in Visby klappt problemlos, und der Gegenanflug gewährt schon mal einen tollen Blick auf die Altstadt.

Endspurt nach Stockholm

Wir genießen die Mittagspause in der alten Hansestadt, der Flugplan aber drängt uns zum Weiterflug. Bis Stockholm dauert es nur noch eine Stunde. Der Grasplatz von Skå-Edeby ist schwer zu erkennen, und am Funk antwortet niemand. Da ich das erwartet habe, setze ich eine Blindmeldung über meine Landeabsicht ab und überfliege die kreuzförmige Piste, um mir über die beste Landerichtung klar zu werden. Nach der Landung zeigt sich, dass der Platz doch belebt ist. Wir werden freundlich begrüßt und bekommen einen Abstellplatz für unsere Maschine zugewiesen. Erleichterung und Stolz stellen sich ein: Wir haben es bis hierher geschafft! Vor der Fahrt in die Stadt packen wir die Legend in ihre Abdeckplane und verzurren sie mit Haken am Boden.

Kurz vor uns sind zwei ältere deutsche Herren mit einer Cessna gelandet, die auf der Reise ans Nordkap sind. Wir beschließen, uns ein Taxi ins Zentrum zu teilen. Dort wartet schon meine Freundin. Die nächsten drei Tage verbringen wir mit dem Erkunden der Stadt und Museumsbesuchen. Besonders das Vasa-Museum begeistert uns. Es beherbergt die Galeone Vasa, die 1628 im Hafen sank und bis zu ihrer Bergung 1961 im Schlick weitgehend erhalten blieb. Meine Freundin, der Landessprache mächtig, gibt eine exzellente Stadtführerin ab. Vor unserem Abflug belohne ich sie dafür mit einem Rundflug über die Stadt – mit der bereits erwähnten Anfrage an ATC Stockholm. 

Auf dem Rückflug über das Inland ist die Aussicht wesentlich abwechslungsreicher. Bullerbü muss man nicht suchen, es ist überall. Rote Holzhäuser, grüne Wälder und unzählige Seen machen das Schwedenbild perfekt.

Der Sprung über die Ostsee zurück nach Deutschland ist wesentlich kürzer. Die Zwischenlandung auf Rügen versüßen wir uns mit einem leckeren Eisbecher auf der Besucherterrasse. Auf dem letzten Stück werden wir beim Blick auf die Tankanzeige unruhig, schaffen es aber mit üppiger Reserve nach Eggersdorf. Der Flug war eine tolle und lehrreiche Erfahrung. Eine so lange Strecke verträgt mehr Zwischenlandungen, die wichtigste Erkenntnis ist aber, dass es keine nennenswerten Probleme gab. Ich habe deutlich an Sicherheit gewonnen und freue mich schon auf den nächsten Flug ins Ausland.

Die Reiseroute auf dem Weg nach Stockholm

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Reiseroute nach Stockholm. Grafik und Copyright: aerokurier  

 

Kartenmaterial: 
ICAO 1:500 000 von Malmö, Göteborg und Stockholm, je 21,80 Euro. Leider sind diese Karten wesentlich weniger detailliert als die deutschen.

Lande- und Abstellgebühren: 
Die größeren Flugplätze in Schweden werden von der Gesellschaft Swedavia betrieben. Eine Landung in Visby (ESSV) kostet 250 SEK (ca. 27 Euro), ein Wochenpass mit Landeflatrate für verschiedene Plätze 800 SEK. Ausgenommen sind kleine Plätze wie Skå-Edeby (ESSE).

Flugvorbereitung:
Für den Einflug nach Schweden sind keine Vorabfreigaben erforderlich. Allerdings sind ein Flugplan für Flüge nach und ab Gotland sowie Schwimmwesten Pflicht.

Hotel und Verpflegung:
Das Mornington Hotel Bromma liegt zwar nicht sehr zentral, ist aber gepflegt und vergleichsweise günstig (ab 350 SEK). Für gehobene schwedische Küche lohnt sich das Restaurant Blå Dörren.

aerokurier Ausgabe 08/2016



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