29.03.2010
aerokurier

Reiner Meutsch Chennai - KolkataFly & Help: Team fliegt von Chennai nach Kolkata

Nächste Etappe auf dem indischen Subkontinent: Die Piper Cheyenne mit Reiner Meutsch und Arnim Stief an Bord nimmt Kurs entlang der Küste von Chennai nach Kolkata.

Meutsch Chennai Kolkata Karte

Flug des Fly & Help Teams von Chennai nach Kolkata. Grafik: aerokurier  

 

Reiner Meutsch beschreibt seine Eindrücke für die Leser von aerokurier.de


Chennai (VOMM) – 13° 5′ 0″ N, 80° 17′ 0″ E
Kolkata (VECC) – 22° 34′ 0″ N, 88° 22′ 0″ E
Distanz: 810 NM
Flugzeit: 3,5 Stunden

43. Tag, 26. März 2010
„Kalkutta liegt am Ganges“: So heißt der Titel eines deutschen Schlagers. Seit ich denken kann, kenne ich dieses Lied. Gleich soll es also losgehen nach Kolkata, wie die Stadt mit offiziellem Namen heißt.

Pünktlich um 7.30 Uhr begleitet uns Grace zurück zum Flughafen. Alles geht rasch, zügig, freundlich und herzlich zu. Wir verladen unser Gepäck und merken erst zu spät, dass die Gepäckträger den Koffer unseres Taxifahrers mit ausgeladen haben. All seine persönlichen Utensilien sind darin. Unser indischer Handlingagent verspricht jedoch, dem Fahrer heute Abend seinen Koffer zurückzubringen.

Beim Start liegt Chennai noch im Dunst. Wir steigen auf 9000 Fuß und fliegen stundenlang über der indischen Küste. Meine Nase klebt am Cockpitfenster: Indien, so bunt, so vielfältig und reich an Menschen verschiedenster Kulturen. Vor dem Fliegen in Indien hatte man uns gewarnt, aber nichts von dem Vorhergesagten ist eingetroffen, alles ging gut.

Während des Fluges blättert Arnim neben mir in einigen indischen Zeitungen. Sie sind voll mit „unserer Geschichte der Weltumrundung“ und meiner Aussage, dass viele Menschen hier zwar arm an Geld seien, aber reich an Menschlichkeit und goldene Herzen haben. Die Fernsehsendung mit meinem Interview sollen Millionen gesehen haben. Schön, wenn wir als Deutsche ein positives Bild in dieser so anderen Welt hinterlassen konnten.

Wir nähern uns nach viereinhalb Stunden Flug Westbengalen und der Hauptstadt Kolkata – Indiens Kulturhauptstadt. Seit einiger Zeit bemerken wir allerdings Unstimmigkeiten an einem Gerät im Cockpit. Der künstliche Horizont, für Flieger ein unentbehrliches Instrument, hat eine permanente Abweichung von circa 30 Grad Schräglage. Wir haben zwar einen zweiten Horizont auf Arnims Seite, sind aber trotzdem besorgt.

Die Sicht während des Landeanfluges auf die Millionenmetropole ist schlecht: nur zwei Kilometer und um uns herum Dunst. Ich bin hochkonzentriert, fehlt doch die Referenz nach vorne und der künstliche Horizont ist auch nicht vorhanden. Immer wieder blicke ich nach rechts auf Arnims Gerät. Auch der Gleitskop, der mir den genauen Winkel zum Landeanflug angibt, funktioniert nicht richtig. Der Autopilot ist ausgefallen. Trotz der technischen Probleme fliege ich das vorgeschriebene ILS (Instrument Landing System) ab und lande unsere Cheyenne sanft auf dem internationalen Flughafen von Kolkata. 

Nach der Landung fahre ich alle Systeme runter und wieder hoch. Nun zeigt der künstliche Horizont keinerlei Abweichung mehr. Vielleicht ist es doch nur zu heiß geworden. Hoffentlich lag es nur daran …

Die Abwicklung klappt wie am Schnürchen, sehr rasch und zuvorkommend. Wir tanken 1009 Liter JET-A-1 für 480 Euro. Der Transfer in unsere Unterkunft dauert dann noch einmal etwa eine Stunde und wir zahlen drei Euro für die Fahrt.

Ich habe schon viel von Kolkata gehört, eine der faszinierendsten Städte der Welt und zugleich das größte funktionierende Chaos der Erde, das ich je gesehen habe: Rikschas und Ochsenkarren, alte Rolls Royce, Doppeldeckerbusse mit Hunderten von Menschen und total überfüllte Straßenbahnen. Und dann das Gehupe. Nicht zu vergessen, überall laufen Kühe auf der Straße!

Nach dem Abendessen im Hotel The Peerless Inn gehe ich noch einmal raus vor die Tür. Es ist 22 Uhr und heiß. Was ich dann auf der Straße erlebe, ist unglaublich: Ratten und Kakerlaken ohne Ende. Als ob das nicht genug wäre, sehe ich zu meinem Erschrecken im Straßengraben einen Toten liegen. Ein Hund nähert sich dem leblosen Körper. Mir wird schlecht. Keinen scheint es zu kümmern. Ich fühle mich hilflos und frage einen Kioskbesitzer, was nun passiert, doch er zuckt nur mit den Schultern. Später erfahre ich von einem Hotelangestellten, dass oft Tote im Straßengraben gefunden und dann meist von der städtischen Verwaltung abgeholt würden.

Nach meinem 30-minütigen Gang um den Block bin ich fertig und fassungslos. Überall haben Menschen auf dem Boden ihr Nachtlager errichtet, total verdreckt und elendig. Unzählige Einwohner dieser Millionenstadt leben auf der Straße. Ein ewiger Kreislauf: Hier werden sie gezeugt und hier sterben sie auch. Sie haben nichts außer ihrem Leben.

Morgen besuchen wir das Mother House, in dem Mutter Teresa gewirkt hat und auch ihre letzte Ruhe fand.

Heute Nacht werde ich nicht schlafen können. Ich bin immer noch zutiefst geschockt.




  • Hersteller

    Lade...

  • Typ

    Bitte Hersteller auswählen!

aerokurier 12/2016

aerokurier
12/2016
23.11.2016

Abonnements
Digitalabo
Heft-Archiv
Einzelheft bestellen


- Pilot Report Me 262
- Reise: Südwest-Frankreich
- Pilot Report Remos GXiS
- Trixy Spirit
- Flugzeug einmotten
- Ventus Generation 3
- Fliegen über der Kalahari

Gebrauchtflugzeuge, Luftfahrtzubehör, Reiseangebote und vieles mehr:

aerokurier Online-Markt

aerokurier iPad-App