17.06.2010
aerokurier

Meutsch KamtschatkaFly and Help: Von Japan nach Petropawlowsk

Das Fly & Help Team macht sich von Japan auf den Weg nach Petropawlowsk. Rund 3,5 Stunden dauert diese Etappe.

Reiner Meutsch schildert seine Flugeindrücke für die Leser von aerokurier.de

Asahikawa (RJEC) – 43° 46′ 14.95″ N, 142° 21′ 53.89″ E
Petropawlowsk (UHPP) – 53° 1′ 0″ N, 158° 39′ 0″ E
Distanz: 875 NM
Flugzeit: 3,5 Stunden

Tag 93, 14. Juni 2010
Gestern Abend saßen wir noch lange mit unserem Pilotenfreund Peter Steeger beim Abendessen zusammen. Er konnte uns einen sehr authentischen Einblick in das Alltagsleben und die Kultur Japans geben. Wie wir empfindet er die große Höflichkeit der Japaner als Bereicherung, hat aber auch schon ihr aufbrausendes Naturell kennengelernt.

Interessiert haben wir seinen Beschreibungen der Begrüßungsriten zugehört. In der Art der Verbeugung spiegelt sich der Rang bzw. das Verhältnis zweier Menschen zueinander wider. Je tiefer und länger die Verbeugung, desto mehr Ehrerbietung wird dem Gegenüber entgegengebracht. Es gibt Abstufungen von 15, 30 und 45 Grad (noch tiefere Verbeugungen kommen im Alltag nicht sehr häufig vor) – in der Regel stehen Ältere über Jüngeren, Gäste über Gastgebern, Männer über Frauen. Ein sehr stolzes und traditionsbewusstes Volk. Wir kommen auch auf die Schriftzeichen zu sprechen, eine Kunst für sich mit einem großen Interpretationsspielraum. Ihre Bedeutung steht unter anderem im Zusammengang mit der Aussprache. Ich könnte noch stundenlang zuhören und bin vollends im Bann dieser einzigartigen Kultur.

In der Nacht um 3.30 Uhr Ortszeit habe ich es mir dann noch vor dem Laptop bequem gemacht und übers Internet das tolle Spiel unserer Nationalmannschaft verfolgt. Der neue Tag kündigt sich mit einem fantastischen Sonnenaufgang an. Das Wachbleiben hat sich also doppelt gelohnt.

Nach dem Frühstück bereiten wir den heutigen Flug nach Petropawlowsk akribisch vor. Arnim gibt Andreas und mir noch einmal eine sehr genaue Unterweisung zur Handhabung des Rettungsbootes an Bord sowie der Überlebensanzüge. Auch die Notsender tragen wir sicherheitshalber. Die Vorkehrungen sind notwendig, weil wir heute mehr als drei Stunden in 23.000 Fuß Höhe übers Meer nach Kamtschatka (Russland) fliegen.

Bei 32 Grad Außentemperatur starten wir gegen 13.00 Uhr Richtung Nordosten. Unter uns liegt die sehr gebirgige und dünn besiedelte Nordspitze Japans. Schnell erreichen wir das Meer. Sayonara Japan. Es war eine tolle Zeit.

Zwischenzeitlich fällt unser HF-Radio, welches die Verbindung zwischen den Lotsen und uns sicherstellt, aus. Auch über den normalen Funk haben wir keine Verbindung mehr.

In der Höhe, in der wir nun fliegen ist es sehr kalt. Unsere Innenscheiben setzen Eis an, obwohl es im Innenraum noch warm ist. Trotz der Höhe fliegen wir teilweise durch Wolkenfelder und müssen die ganze Zeit auf Eisansatz an den Tragflächen achten.

Nach über drei Stunden erreichen wir Kamtschatka, deren Vulkanregion zum UNESCO Weltnaturerbe zählt. Wir befinden uns im Anflug auf die größte Halbinsel Ostasiens (370.000 Quadratkilometer). Sie ist 1.200 Kilometer lang und 450 Kilometer breit. Wirklich gigantische Ausmaße.

Schneebedeckte Berge von bis zu 4.000 Metern Höhe liegen zu unserer Rechten und die Wolken hängen tief über dem Zielflughafen Petropawlowsk. Das Landeverfahren ist anspruchsvoll und die Landebahn sowie die Rollwege befinden sich in einem schlechten Zustand. Erleichterung stellt sich bei mir ein, als ich die Piper in Parkposition bringe. Es beginnt zu regnen und die 12 Grad wirken im Vergleich zu Japan recht kalt.

Am Flughafen übernimmt der russische Handlingagent alle Formalitäten für uns. Das Visa ist mit über 100 Euro pro Person teuer. Während der Abwicklung können wir beobachten, wie Angehörige des Militärs unsere Maschine umschreiten und alles genauestens prüfen.

Untergekommen sind wir in einem einfachen Hotel im russischen Baustil. Wir haben keine hohen Ansprüche und sind froh darüber, überhaupt eine Unterkunft gefunden zu haben. Die Übernachtungskosten von 120 Euro finde ich allerdings recht teuer.

Als wir abends gegen 23.00 Uhr zusammensitzen, ist es noch immer hell, obwohl die Sonne schon untergegangen ist. Um 4.00 Uhr wird sie wieder aufgehen. Arnim, Andreas und ich machen einen Uhrenvergleich, denn wir müssen die Zeiger um drei Stunden nach vorn drehen. Die Differenz zu Deutschland beträgt damit zehn Stunden.

Als ich zu Bett gehe, fällt mir mein letzter Besuch in der ehemaligen Sowjetunion ein. Das ist nun schon 25 Jahren her und ich war damals mit meinem Vater unterwegs. Er liebte Russland.

Morgen werden wir das knapp 200.000 Einwohner zählende Petropawlowsk erkunden. Auch eine Tour zu den aktiven Vulkanen und den „thermal hot springs“, den Thermalquellen, steht auf unserem Plan.




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