15.01.2008
aerokurier

Wingwalking mit Peggy KrainzWingwalking mit Peggy Krainz: Aussteigen mal anders

Nicht zur Nachahmung empfohlen: Wenn Peggy Krainz das Cockpit ihrer Stearman verlässt, hat sie einige zig Meter Luft unter sich. Die Wingwalkerin und ihre Pilotin Verena Dolderer zeigen ein atemberaubendes Ausstiegsszenario.

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Kaum drei Zentimeter breit ist die Stelle, die der Fuß treffen muss. Das ist schon bei einem unbewegten Untergrund nicht eben viel, auf der Tragfläche eines 450-PS-Doppeldeckers, der mit 70 bis 80 Knoten durch die Luftmassen pflügt, ist das fast nichts. Es ist der hölzerne Hauptholm der unteren Tragfläche der Boeing Stearman, der Peggy Krainz als schwankender Steg auf ihrem Weg vom Cockpitplatz zu der Position auf der Mitte der Tragfläche dient, wo sie ihre Artistik beginnen kann und wo sie so etwas Ähnliches wie Halt hat.

Zwar verbindet für den Fall eines Falles, was hier wörtlich zu verstehen ist, ein 1,50 Meter langes Stahlseil die Tragflächengängerin mit dem Flugzeug. In welcher Lage sie wäre, sollte sie einmal den Halt verlieren, möchte man sich aber lieber nicht vorstellen. Das Stahlseil ist kein Rückhaltesystem, dem man sein Leben anvertrauen möchte.

Peggy Krainz und Verena wollen die gute Show, aber nicht das Risiko. Peggy hat sich den klassischen Wingwalker-Dreisatz zu Herzen genommen: Drei Teile müssen immer am Flugzeug sein, ein Fuß und zwei Hände zum Beispiel.
Und übers Wochenende ist sie auch nicht zur Außenbordakrobatin geworden, der 1998 begonnene Weg verlangte hartes Training von ihr. Und Ausdauer.

Drei Jahre brauchte sie, bis sie sich bereit fühlte, im Flug vom Sitz aus die obere Fläche zu erklimmen. Anfangs stand sie bereits oben, angegurtet an das Gerüst, wenn das Flugzeug zum Start rollte. Die erste Stufe auf der Unerschrockenheitsskala bestand dann in dem Abstieg von der Fläche zurück in die Geborgenheit des Cockpits. Die Klettertour auf die untere Fläche war die nächste Stufe.

Peggy und ihrer Pilotin ist sehr bewusst, dass dies der schwierigste Teil ist. Denn in dem Augenblick des Ausstiegs wirft sich mit voller Wucht der Luftstrom auf sie, den der mächtige Zweiblattprop des Pratt & Whitney-Sternmotors nach hinten schaufelt. Erst außerhalb des Propellerkreises wird es etwas ruhiger, wenn man es ruhig nennen will, wenn die Strömung derart wütend zerrt und drängelt, dass Verständigung nur noch über Handzeichen möglich ist und die kleinste Körperbewegung große Kraft erfordert.

Ihr Flugzeug ist eine Boeing Stearman PT-17, Baujahr 1942, seit Anfang 2005 österreichisch registriert, bis zu 350 km/h schnell und mit Hilfe eines Spezialisten für das Wingwalking umgebaut. 450 PS stellt der R-985-Neunzylinder bereit. Die muss er auch haben, denn selbst die zierliche 55-kg-Peggy bildet auf der Fläche einen Widerstand, den man, wie Pilotin Verena sagt, "deutlich merkt".

Der Erstflug mit der menschlichen Außenlast war selbst für die leidenschaftliche Oldtimer-Vielfliegerin und Fluglehrerin eine neue Erfahrung: "Es war aufregend, ich bin noch nie in meinem Leben so ruhig geflogen."

Während der Vorführung gibt sie als Pilotin das Zeichen für den Ausstieg. Sie gibt es, wenn sie die Stearman bereit gemacht hat, wenn Höhe und Fahrt passen, der Abstand zum Publikum stimmt, die Triebwerksinstrumente im Normalbereich stehen, das Gelände den Zeitplan erlaubt. Damit Peggy in Richtung untere Fläche aussteigen kann, muss Verena das Gas auf Leerlauf nehmen. Sie muss zulassen, dass der Doppeldecker etwa 100 Fuß Höhe verliert, bis Peggy ihre Position erreicht hat. Mal ist sie schnell dort, mal braucht sie einige Sekunden länger.

Kein Wingwalk ist wie der andere. Nur die Konzentration muss immer die gleiche sein. Die Pilotin weiß genau: Im falschen Moment Gas gegeben oder eine Böe nicht ausgeglichen und Peggy hätte ein Problem. Beide wissen, dass sie sich vertrauen müssen – und können.

"Es ist immer noch ein Kick", sagt Verena, "wenn sie das Klettern anfängt." So sehr von der Stearman-Steuerfrau höchste Aufmerksamkeit gefordert ist, so körperlich hoch anstrengend ist ihre Akrobatik für Peggy. Nicht nur, dass die vorbeigepresste Luft jedes Winken zum Hanteltraining macht, sondern auch manch dicker Kamikaze-Brummer sucht sich ihren Körper als Aufschlagstelle aus, ausweichen geht nicht. 15 Minuten Display reichen daher für den Tag. Aber keine Spur von der Härte der Arbeit während der Show. Leichtfüßig, als wäre es in der Turnhalle, schwingt sie sich aus dem Sitz auf die Cockpitkante zur ersten Figur, der "Fahne", eine Hand an der Tragflächenhinterkante, ein Bein in der Waagerechten. Dann, eine Platzrunde später, vielleicht ein Überflug oben auf der Fläche, fröhlich winkend. Das Publikum staunt angesichts des kaum Glaublichen und hat seinen Spaß, auch wenn der Vorbeiflug nur einen Moment lang dauert.
(MS)







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