27.07.2015
Erschienen in: 12/ 2014 aerokurier

AußenbordartistinWingwalker Peggy Walentin

Wenn sie das Cockpit ihrer Stearman verlässt, hat Peggy Walentin einige zig Meter Luft unter sich. Deutschlands einzige Tragflächengängerin, ihr Pilot Friedel Walentin und die Boeing Stearman zeigen atemberaubende Himmelsartistik.

Tragflächenakrobatik: Peggy Walentin beim Wingwalking über dem Wolfgangsee. Copyright: Peggy Walentin

You are the girl on the wing!“ Wenn man beim Einchecken  auf einem Flughafen auf der anderen Seite des Planeten von einer Sicherheitsbeamtin mit Entzücken erkannt wird, dann muss man wohl etwas Nichtalltägliches vollbracht haben. Es ist allerdings auch nicht alltäglich, ein sperriges Gestell bei sich zu haben, das einem beim Aufenthalt auf der oberen Tragfläche einer Boeing Stearman jenseits der Mindestgeschwindigkeit ein wenig Halt gibt. So hat es auch die luftfahrtbegeisterte neuseeländische Presse gesehen und Peggy Walentin, dem „girl on the wing“, nach ihrem Auftritt bei der Luftfahrtschau in Wanaka diverse Titelgeschichten gewidmet. Eine davon zog die Flughafenmitarbeiterin freudestrahlend unter dem Tresen hervor, um gleich danach der Tragflächenartistin  aus Deutschland alle Zusatzgepäckgebühren zu erlassen. Die „Warbirds over Wanaka“-Flugschau Ostern 2010 ist Peggy Walentin als ganz besonderes Erlebnis in Erinnerung geblieben in ihrem persönlichen Flugschaukalender. Und der ist eigentlich nicht arm an außergewöhnlichen Flugerlebnissen in vielen Teilen der Welt. Das hat natürlich mit ihrem Job zu tun. Oder eigentlich müsste man eher sagen: mit ihrer Lebensweise. 

Seit 1999 widmet sich Peggy Walentin mit Leidenschaft und aller Kraft dem Wing Walking, seit 2005 mit  eigenem Team. „Kraft“ ist hier durchaus wörtlich zu verstehen, denn ihr tägliches Trainingspensum kommt dem eines Spitzensportlers sehr nahe: Waldläufe, Krafttraining, Springseil, Boxsack und im Winter außerdem Langlauf. Hinzu kommt das kontinuierliche Trockentraining der Abläufe am stehenden Flugzeug. Ohne all das wäre an ihre Art der Tragflächenakrobatik nicht zu denken, denn was für die Zuschauer spielerisch leicht wirkt, erfordert perfekte Körperbeherrschung und höchste Konzentration – und das zu jeder Sekunde ihrer Vorführung. Der schwierigste Teil beginnt, wenn sie aus dem Cockpit aussteigt und sich auf den Weg zur unteren Fläche macht. Denn augenblicklich wirft sich mit voller Wucht der Luftstrom auf sie, den der mächtige Zweiblattprop des Pratt & Whitney-Sternmotors der Stearman nach hinten schaufelt. Eine Sicherung gibt es in dieser Zeit nicht wirklich. Zwar verbindet für den Fall eines Falles, was hier wörtlich zu verstehen ist, ein 1,50 Meter langes Stahlseil die Tragflächengängerin mit dem Flugzeug. In welcher Lage sie wäre, sollte sie einmal den Halt verlieren, möchte man sich aber lieber nicht vorstellen.

Erst außerhalb des Propellerkreises wird es etwas ruhiger, wenn man es ruhig nennen will, wenn die Strömung derart wütend zerrt und drängelt, dass Verständigung nur noch über Handzeichen möglich ist und jedes Winken zum Hantelstemmen wird. Erschwerend kommen die dicken Kamikaze-Brummer hinzu, die sich ihren Körper als Aufschlagstelle aussuchen. Ausweichen? Undenkbar. Übel wird es bei Regen: Er wirkt wie Nadelstiche. 15 Minuten Artistik reichen daher zumeist für den Tag.

Von Mai bis September zeigt Peggy ihre Kletterkünste auf Flugschauen und privaten Veranstaltungen. Immer dabei: ihr Pilot und Ehemann Friedel. Nicht selten sind die beiden an vier Wochenenden in Folge unterwegs zu Flugtagen irgendwo in Europa. Auch die übrige Zeit des Jahres gehört bei der 43-Jährigen zu einem Großteil dem Wingwalking. Denn es versteht sich, dass so eine Saison lange im Voraus geplant werden will. Und so hängt die Himmelsartistin, wenn sie gerade nicht auf der Stearman turnt oder Hanteln stemmt, am Telefon und vor dem Computer und klärt die zahllosen Fragen, die vor einem Auftritt zu beantworten sind: Wie kommt das Flugzeug dorthin, gibt es technische Betreuung vor Ort, welche Versicherungen brauchen wir, wo wohnen wir, wie bewegen wir uns fort und, und, und ...

So ein Leben mit und für diese spezielle Variante des Fliegens muss man natürlich wollen. „Mein Weg zur Fliegerei“, sagt die gebürtige Chemnitzerin und Mutter einer 20-jährigen Tochter, „war weder von Kindheitsträumen noch von irgendeiner Selbstverwirklichungsromantik gepflastert.“ Zwar hatte sie in jungen Jahren viel Kontakt mit Flugzeugen, aber eigentlich, sagt sie ganz offen, hatte sie „totale Flugangst“. Die Wende brachte dann ein Mitflug in einer P-51 Mustang. Von da an ging es im Mustang-Tempo weiter. In nur wenigen Wochen machte sie den PPL, es folgten weitere Ratings, Kunstflug- und Lehrberechtigung. Und 1998 dann die erste Wingwalking-Selbsterfahrung, auf Einladung des schwedischen Wingwalking-Piloten Bo Gruwer, quasi als erhebender Höhe- und Schlusspunkt der Flugangsttherapie. „So sind wir dann also gestartet, und ich genoss ein einzigartiges, unvergleichbares Erlebnis. Zehn Minuten stehend auf den Flügeln eines Doppeldeckers, winkend, was meine Kräfte hergaben, und überglücklich, das erleben zu dürfen.“ Der Preis für das kurze Glück war ein deftiger Muskelkater am Tag danach, aber von da an hatte es sie gepackt. Seither ist Peggy Deutschlands einzige Tragflächengängerin, die mittlerweile ihren Lebensunterhalt damit verdient. „Ohne Sponsoren“, gibt sie freimütig zu, „wäre das alles nicht möglich.“ Seit 2006 ist die Firma Brose der wichtigste Unterstützer. 

Mehr als 800 Klettervorführungen hat sie hinter sich, ist dabei viel in der Welt herumgekommen. Wichtig ist ihr nicht alleine der Spaß, den sie ihrem Publikum bereitet. Sie möchte es auch davon überzeugen, dass Fliegen etwas Wunderbares ist, das jedermann offensteht. Am besten geht das, findet sie, wenn man auf die Leute zugeht und mit ihnen redet. „Jeder“, ist sie überzeugt, „sollte einmal sein Haus von oben gesehen haben.“ So wichtig ihr diese Botschaft ist, die 2015er Saison wird für sie die letzte sein. Gelegenheit, sie zu erleben, wird es unter anderem noch in Coburg, Würzburg und Straubing geben. Das Flugzeug und ihr Wissen möchte sie gerne in andere Hände abgeben. Also: Wer in Zukunft auf alternative Weise aussteigen möchte, ist herzlich zum Einstieg eingeladen.

aerokurier Ausgabe 12/2014



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