05.04.2016
Erschienen in: 06/ 2015 aerokurier

InterviewMulti-Tasker Dr. Gerhard Fahnenbruck

Streng genommen hat Dr. Gerhard Fahnenbruck mehrmals Karriere gemacht: zuerst als Psychologe beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), dann als Verkehrspilot bei Lufthansa CityLine und schließlich als Klinischer Direktor. Der 54-jährige gebürtige Duisburger ist einer der Köpfe der Stiftung Mayday.

ae 06-2015 Gerhard Fahnenbruck

Dr. Gerhard Fahnenbruck. Foto und Copyright: Herzog  

 

Gerhard, du hast deine fliegerische berufliche Laufbahn in Hamburg und Bremen gestartet, bist aber als Duisburger ein echter Jung` des Ruhrgebiets. Wie hat sich das entwickelt?

Meine Ursprungsfamilie ist sehr bodenständig. Ich bin der Sohn eines Schreiners und einer Kauffrau. Entsprechend habe ich keinerlei fliegerische Vorbelastung. Trotzdem war mein Interesse fürs Fliegen schon früh sehr ausgeprägt. Um mit 14 mit dem Segelfliegen anfangen zu können, bin ich 20 Kilometer am Rhein entlang von Duisburg nach Wesel geradelt.

Nach der Schule habe ich Zivildienst geleistet und Psychologie in Bonn, Wien und Hamburg studiert. Beim DLR war ich zwischen 1988 und 1991 wissenschaftlicher Mitarbeiter. Dort habe ich promoviert und beim Hanseatischen Fliegerclub Hamburg parallel meinen PPL-A machen können.

Den letzten Baustein meines beruflichen Fundaments habe ich 1992 an der Verkehrsfliegerschule der Lufthansa in Bremen gelegt, indem ich dort meinen ATPL erworben habe. Ab Januar 1993 flog ich bei Lufthansa CityLine auf dem Canadair Jet und wurde 1996 zum Kapitän ernannt. Mein Einsatzort war Hamburg. Dort lebte ich auch mit meiner Familie, zu der meine Frau, eine erwachsene Tochter und zwei noch nicht ganz erwachsene Söhne gehören.

Hamburg, respektive den Norden magst du, nicht wahr? Wann immer ich dich treffe oder mit dir telefoniere, begrüßt du mich mit dem typischen „moin moin“.

Ja, ich mag den Norden sehr. „Moin moin“ ist immer freundlich und lädt zum offenen Gespräch ein – so jedenfalls meine Absicht.

Da öffnen wir auch gleich den Pfad zu deinem zweiten Standbein. Wie ging es mit deinen Karrieren weiter?

Mit dem Schritt in die Verkehrsfliegerei habe ich von Anfang an die Psychologie mit der Fliegerei verbunden. Bis 1999 bin ich zu 75 Prozent auf Kurzstrecken in Europa geflogen, war aber auch mit Tätigkeiten im Bereich Luftfahrtpsychologie beschäftigt. Ab 1999 habe ich mich dann noch stärker auf meine Psychologen-Tätigkeit und die Arbeit für die Stiftung Mayday konzentriert. Dort hatte ich 1998 das Critical Incident Stress Management (CISM) für die Luftfahrt eingeführt. Seit dieser Zeit habe ich die fachliche Verantwortung für die CISM-Teams und bin deren Klinischer Direktor.

Außerhalb der Stiftungsarbeit arbeite ich zu den Themen Krisenprävention, -intervention und -nachsorge, sowohl für Einzelpersonen als auch für Unternehmen. Beispielsweise entwickeln wir Notfallpläne auch für die chemische Industrie, den Energiesektor, Banken sowie für das Gesundheitswesen, führen Krisenstab- und Krisenübungen durch und organisieren die Nachsorge von betroffenen Menschen. Die Erfahrung aus der Stiftung Mayday ist an dieser Stelle mehr als förderlich. Umgekehrt hat sich in manchen Bereichen das Teamtraining für medizinisches Personal so weit entwickelt, dass inzwischen selbst die Luftfahrt davon profitieren kann. Von dem Transfer an Erfahrung zwischen den Bereichen profitieren alle. Selbst die CISM-Tätigkeit wird in immer mehr Bereichen angewandt.

Bei deiner Arbeit als Psychologe, sowohl hauptberuflich als auch ehrenamtlich bei CISM, kommst du da noch zum Fliegen?

Ich bin aktiver Fallschirmspringer, habe eine gültige Segelflug- und Motorfluglizenz mit Einmot- und Mehrmot-Rating. Seit einiger Zeit habe ich zudem Anteile an einer Piper Seneca in Egelsbach. Mit der planen wir als Familie in diesem Sommer eine Atlantiküberquerung, um unseren 16-jährigen Sohn aus Philadelphia nach seinem Austauschjahr dort gemeinsam abzuholen. Das wird eine zweiwöchige Bildungsreise und sicherlich ein tolles Erlebnis, VFR und Low Level, mit Stationen in Grönland und Island. Obwohl niemand außer mir vom Fliegervirus ernsthaft befallen ist, sind doch alle begeistert. Meine Frau und mein 14-jähriger Sohn üben sich schon in Sachen Pinch Hitter, und für den Trip ist mein Sohn auch ganz offiziell von der Schule befreit.

Das ist sehr sportlich. Bist du sportlich?!

Ich bemühe mich redlich, laufe zur Entspannung. Bis vor zwei Jahren bin ich noch gelegentlich Marathon gelaufen. Im letzten Jahr bin ich aufs Paddeln im Kajak umgestiegen und den Rhein von Frankfurt bis Duisburg herunter gepaddelt – auf den Spuren meiner persönlichen Geschichte. Das war sehr entspannend und sehr schön.

Wie wirst du als Psychologe mit belastenden Vorfällen fertig? Du warst ja beispielsweise nach dem Germanwings-Absturz über Wochen engagiert in der intensiven Crew-Betreuung?

Das mache ich wie alle anderen professionellen Helfer auch. Ich spreche mit Psychologenkollegen und werde wie alle anderen aufgefangen. Das System funktioniert hervorragend, und ich kann da immer auf verlässliche Hilfe bauen. Die gleiche Unterstützung erfahren alle unsere Teammitglieder. Die Arbeit wäre sonst auf Dauer nicht zu machen.

Hast du neben der beruflichen Weiterentwicklung auch fliegerische Wunschziele, wenn man mal von der Atlantiküberquerung absieht?

Ich habe große Freude bei fliegerischen Exkursionen und liebe Flüge, die exotisch anmuten. Ferne Länder mit kleinen Flugzeugen zu bereisen, das mag ich sehr. Ich würde liebend gern mal Südamerika mit einem Doppeldecker umfliegen.

Künftig möchte ich mich aber auch wieder mehr in die aktive Verkehrsfliegerei einbinden. Nach der langen Pause bin ich gerade dabei, meinen ATPL zu erneuern, und natürlich werde ich der Arbeit der Stiftung Mayday treu bleiben. Die liegt mir sehr am Herzen.

aerokurier Ausgabe 06/2015




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