29.02.2016
Erschienen in: 03/ 2016 aerokurier

InterviewThomas Morgenstern – Vom Skispringer zum Helikopterpiloten

Nach mehr als 14 000 Sprüngen von Skischanzen hat Thomas Morgenstern den Sport aufgegeben. Die Angst vor Stürzen wurde ihm zu groß. Heute hat er im Hubschrauberwettkampf eine neue Herausforderung gefunden.

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Überflieger in zwei Welten: Thomas Morgenstern. Foto und Copyright: Philip Platzer/Red Bull  

 

Thomas, was geht dir durch den Kopf, wenn die Rotoren zu drehen beginnen?

Es ist die pure Vorfreude! Ich bekomme ja schon große Augen, wenn ich einen Hubschrauber sehe, weil das Fliegen einfach meine Leidenschaft ist. Sobald ich keinen Boden mehr unter den Kufen habe, ist es die totale Freiheit, ein Kick, ein Wow-Gefühl.

Hast du keine Angst, dass etwas schiefgehen könnte?

Natürlich gibt es Risiken, beispielsweise das Wetter. Wind, Nebel, Niederschlag, das sind wichtige Faktoren. Auch die technische Seite muss stimmen, die ordentliche Wartung meines Hubschraubers, die Vorflugkontrolle usw. Der Umgang mit den Risiken ist das Entscheidende. Gute Flugvorbereitung, Erfahrung und die Bereitschaft, mit jedem Flug dazuzulernen – insbesondere von erfahrenen Piloten. Letztendlich bin ich Privatpilot; ich entscheide, wann ich in die Luft gehe. Ich muss niemandem etwas beweisen.

Bei dem schweren Sturz beim Skifliegen am Kulm 2014 hast du nach eigener Aussage in der Luft die Kontrolle verloren. Weitere Stürze ließen die Angst schließlich so groß werden, dass du deine Karriere beendet hast. Nun fliegst du Helikopter, das birgt ähnliche Risiken. Wo ist der Unterschied?

Zunächst sollte man das Risiko nicht überbewerten. Skispringen ist eine sehr sichere Sportart, Fliegen die sicherste Art der Fortbewegung – zumindest, wenn man sich die Statistiken ansieht. Wenn allerdings etwas passiert, sind die Folgen zumeist fatal. Ein Unterschied liegt vielleicht darin, dass ich beim Skispringen im Flug nahezu keinen Raum habe, um bei Problemen einzugreifen und zu korrigieren. Das ist beim Helifliegen anders. Da gibt es Notverfahren, die in der Ausbildung gelernt und geübt werden. Eine sichere Landung ist meist möglich. Geht man aber über das Limit, sieht es auch hier schlecht aus.

Macht dich die Erfahrung aus zehn Jahren Profisport zu einem besseren Piloten?

Das würde ich nicht unbedingt sagen. Allerdings ist es sicher so, dass ich gelernt habe, intensiv an mir zu arbeiten und mich zu verbessern bei dem, was ich tue. Sich ein Ziel zu setzen und darauf hinzuarbeiten, ist eine Stärke von mir. Im Wettkampf allerdings, wie beispielsweise bei den World Air Games in Dubai, kann meine Erfahrung aus mehr als 400 Weltcupspringen vielleicht ein Vorteil sein, einfach weil ich das Wettkampfgeschehen gewohnt bin.

Konntest du von deiner sportlichen Trainingsroutine bei deiner Flugausbildung profitieren?

Absolut! Ich bin mein ganzes Leben lang von Trainern gecoacht worden. Dabei lernt man, Kritik nicht als etwas Negatives aufzufassen, sondern als etwas, das einen voranbringt. Vielleicht fällt es einem Leistungssportler leichter, Hinweise von anderen, von Profis, anzunehmen. Das war auch in meiner Flugausbildung so. Wenn mir mein Fluglehrer sagte, ich müsse das so und so machen, dann habe ich versucht, das bestmöglich umzusetzen.

Klingt nach dem perfekten Flugschüler ...

Tatsächlich bekam ich solch ein Feedback mehrfach. Meine Lehrer haben mir oft gesagt, dass ich sehr schnell lerne und Anweisungen umsetze.

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So kennt man Thomas Morgenstern: als erfolgreichen Skispringer. Foto und Copyright: Kurt Pinter/Red Bull  

 

2008 die Lizenz für Flugzeuge, 2012 der Helischein. Wie kommt man vom Skifliegen zum „richtigen“ Fliegen?

Es gibt ja so einige Skispringer, die die Pilotenlizenz gemacht haben, beispielsweise meine Mannschaftskollegen Michi Hayböck oder Martin Koch. Skispringer sind vielleicht einfach gerne in der Luft, wir besitzen das Flieger-Gen. Für mich war es ein
logischer Schritt, es auszuprobieren.

Ist die Fliegerei für dich beruflich eine Option? Ein Spitzensportler im Ruhestand muss ja auch seine Brötchen verdienen ...

Das ist durchaus eine Option. Ich bin gerade dabei, den Berufspilotenschein zu machen. Was ich mir nicht vorstellen kann ist die klassische Linienfliegerei mit 300 Leuten von A nach B. Deswegen bin ich auch auf den Hubschrauber umgestiegen. Hier sind die Einsatzmöglichkeiten vielfältiger, beispielsweise Rettungsfliegerei, Lastenflug und so weiter. Das ist eher was für mich. Ein berufliches Standbein in der Fliegerei wäre schön.

Erwächst daraus nicht wieder der Druck, aufgrund dessen du den Sport aufgegeben hast?

Um das zu vermeiden, möchte ich gerne mein eigener Chef sein. Ich will die Entscheidung treffen, wann ich fliege und wann nicht. Ich will als Pilot alt werden und keine unnötigen Risiken eingehen.

Mit dem Heli hast du auch eine neue sportliche Herausforderung gefunden. Soll es hier ebenfalls bis an die Weltspitze gehen?

Zunächst ist mir wichtig, dass ich mit dem Hubschraubersport weiter Wettkämpfe machen kann – wie ich es mein ganzes Leben lang getan habe – und dabei noch sehr viel lerne. Außerdem reizt mich die Teamarbeit zwischen Pilot und Copilot. Die Präzision, die Dynamik des Sports, das ist faszinierend. Allerdings braucht es noch viel Entwicklung, dazu würde ich gerne beitragen und meine eigene Popularität nutzen, um mehr Menschen für den Hubschrauberwettkampf zu begeistern. Wenn ich dann noch vorne mitfliegen kann, umso besser.

Abgesehen von Sport und Beruf: Wenn du einfach nur Spaß haben willst, wo fliegst du mit deiner R44 Raven hin?

Ganz ehrlich: Am liebsten in meine Heimat Kärnten. Die Region um den Millstätter See ist für mich einfach ein wunderschönes Fleckchen Erde. Da kenne ich eigentlich alles, aber aus der Luft entdeckt man immer wieder was Neues. Da fühle ich mich frei und schalte ab. Am liebsten zu Musik von den Toten Hosen.

World Air Games – Bronzemedaille in Dubai

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Konzentration: Thomas Morgenstern in seiner R44 Raven. Foto und Copyright: Philip Platzer/Red Bull  

 

Mit dem dritten Platz bei den World Air Games in Dubai hat Thomas Morgenstern nach Gold und Silber im Skispringen seinen olympischen Medaillensatz komplett gemacht. Mit Copilot Stefan Seer stellte er sich den Herausforderungen im Fender Rigging und im Slalom.

Im Rigging gilt es, einen Bootsfender an einem Seil durch einen Parcours aus Toren zu manövrieren und in Fässer zu versenken. Beim Slalom muss ein Eimer Wasser durch den Parcours gebracht und am Ende in der Mitte eines kleinen Tischs platziert werden. Für Berührung der Tore gibt es Strafpunkte, beim Fender Rigging auch für das Berühren der Tonnen und beim Slalom für das Verschütten des Wassers im Eimer.

aerokurier Ausgabe 03/2016



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