10.12.2015
Erschienen in: 09/ 2015 aerokurier

MehrzweckhubschrauberMarenco Swisshelicopter SKYe SH09

Er ist der erste Hubschrauber, der in der Schweiz entwickelt, gebaut und zur Serienreife gebracht wird: die SH09 von Marenco Swisshelicopter. Und schon bald könnte der Achtsitzer den Markt der leichten Singles aufmischen.

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Als Marenco Swisshelicopter mit seinem Mock-up 2011 zum ersten Mal auf einer Heli-Expo auftritt, reiben sich die Besucher die Augen. Das Fluggerät scheint zwar zu beeindrucken, aber hinter vorgehaltener Hand heißt es: „Das wird doch nichts; die halten das doch nicht durch.“ Die Tatsache, dass einige „Konkurrenz“-Ingenieure da aber schon heimlich um den Marenco-Stand herumschleichen und alle Details in Augenschein nehmen, spricht eine deutliche Sprache. Ist das am Ende doch ein Entwurf, den es zu beachten gilt?

Es ist! Nur gut dreieinhalb Jahre später, am  2. Oktober 2014,  erfolgt der Erstflug der SKYe SH09 mit der Kennung HB-ZXA auf dem Heimatflugplatz in Mollis im Kanton Glarus. Die Buchstaben SKYe stehen frei übersetzt für „eine Evolution am Himmel“ und die Zahl 09 für das Jahr, in dem ein Investor einstieg und das ambitionierte Programm Fahrt aufnehmen konnte.

Ein halbes Jahr nach dem Jungfernflug, nach weiteren Flugtests mit Prototyp 1 und zahlreichen kleineren und größeren Modifikationen besuchen wir die Standorte von Marenco Swisshelicopter: in Pfäffikon bei Zürich, in der Denkzentrale, wo das gesamte Engineering stattfindet, und in Mollis, wo der Helikopter gebaut und getestet wird und wo gerade Prototyp 2 entsteht. Insgesamt sind rund 100 Mitarbeiter beteiligt.

Was da im Herzen der Schweiz entsteht, ist ein lupenreiner leichter Mehrzweck-Hubschrauber, der gute Chancen hat, viele kleine Nischen sinnvoll zu besetzen, zumal seine Bauweise den modernsten Erkenntnissen der Helikoptertechnologie entspricht. Ganz zu schweigen davon, dass die SKYe SH09 der erste kom­-plett in der Schweiz entwickelte und gebaute Helikopter ist. Abgesehen von der US-Turbine, sind 80 Prozent aller Zulieferer schweizerische Unternehmen.
 
„Wir haben uns bewusst entschieden, in der teuren Schweiz zu produzieren, weil Schweizer Produkte, insbesondere in der Luftfahrt, weltweit ein hohes Ansehen genießen“, sagt Mathias Sénès, Chief Commercial Director bei Marenco Swisshelicopter und Begleiter bei unserem Besuch. Martin Stucki (48) ist der Kopf von Marenco. Der Ingenieur und Inhaber einer Berufspilotenlizenz für Helikopter gründet 1997 Marenco Swissengineering, das 2000 zur AG umgewandelt wird. Heute ist das in Pfäffikon beheimatete Entwicklungsunternehmen ein Komplettdienstleister und zu Hause im Maschinen-, Apparate- und Anlagenbau, in der Medizin- und Labortechnik, in der Kunststofftechnik, im Luft- und Fahrzeugbau sowie in der Solar- und Energietechnik. Aus all diesen Bereichen kommt auch das Know-how als Basis für die Entwicklung des Helikopters.

Es gibt im zivilen Bereich zahlreiche Helikopter, die für bestimmte Missionen entwickelt wurden: die ganz leichten, kleinen für die Basisschulung und für Privatzwecke, die leichten Turbinen-Singles für den Personentransport, für Sightseeing, die leichten und mittleren Zweimots für den VIP-Verkehr, die Luftrettung und diverse Transportmissionen sowie die mittleren und schweren Muster für große und schwere Lasten und Offshore-Einsätze.

Einmotorige Muster decken in aller Regel meist nur einzelne Segmente ab, aber nicht die gesamte Bandbreite für ihre Gewichtsklasse. Das erscheint bisweilen ineffizient und angesichts der Flugstundenpreise auch wenig rentabel. Die Krux ist, dass einzelne Muster nur mühsam und zeitaufwendig umgerüstet werden können, damit sie die jeweils andere Mission überhaupt fliegen können.

Stucki und seine Ingenieure haben da einen anderen Ansatz. Ihr Helikopter soll die Multirolle wirklich spielen können: „Wir wollen Ja sagen können, wenn wir gefragt werden, ob der Helikopter dieses oder jenes kann. So sind in unserem Helikopter alle relevanten Elemente verbaut, wie beispielsweise das gesamte Equipment für den Lasthaken. Der kann so in kürzester Zeit aktiviert werden. Das gilt auch für die Bestuhlungsschienen. Sie sind auf sechs crashresistente Passagierplätze hinter dem Cockpit ausgelegt, auch wenn für den individuellen Einsatz nur vier oder drei (VIP) Personensitze benötigt werden. Das Vorhandensein kann aber durchaus ein Verkaufsargument sein“, betont Sénès.

Der kommerzielle Nutzen des Helikopters steht im Fokus, denn rund 68 Prozent aller Einsätze in der Leicht-Kategorie sind Utility-based, also Mehrzweckeinsätze. Genau diesem Mix soll die SH09 Rechnung tragen: als Sightseeing-Plattform ebenso wie in der Luftrettung, im Arbeitseinsatz mit Außenlasten, als Shuttle, bei Polizeimissionen oder beim Training.  Die SH09 ist ein Leichtgewicht aus Karbon mit einer maximalen Abflugmasse von 2650 kg. Die Zelle des Hubschraubers wird in Monocoque-Bauweise gefertigt, das bringt große Festigkeit bei kleinstmöglichem Gewichtseinsatz. Die geräumige, durchgehende, hohe Kabine, mit ebenem Boden (flat floor) ist die derzeit größte eines einmotorigen Helikopters mit Long Cabin (in diese Kategorie gehören auch die AS350 (H125), H130B3, A119 Koala oder Bell 407.) Die SH09 kann acht Personen befördern. Die hinteren Türen sind als breite Schiebetüren ausgelegt, und im Heck befindet sich zusätzlich eine große, zweiteilige Ladetür.


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