Fliegen mit Grinsfaktor: Selbstbaurenner Van´s RV-6
Der "Grinsfaktor", sagt ihr Schöpfer Richard Van Grunsven, habe die RV-6 zum populärsten Bausatzflugzeug der Welt gemacht. Der Gründer des US-Bausatzherstellers Van´s Aircraft meint damit das stimulierende Zusammenspiel von exzellenten Flugeigenschaften, Vielseitigkeit und Alltagstauglichkeit.
Seit 1973 stellt die Privatfirma in Orgeon Bausatzflugzeuge her, die in der Tat zahlreiche Freunde haben. Rund 3200 sind fertig gestellt und fliegen, gut 1600 davon sind RV-6/RV-6A. Mehrere tausend weitere sehen in Hallen und Garagen in aller Welt ihrer – früheren oder späteren – Vollendung entgegen.
Die schnittigen Van´s-Renner werden konventionell aus Aluminium gebaut und mit Lycoming-Motor versehen. Die Zeit, die der Freizeitflugzeugbauer mit Blechschere und Nietenversenker zubringt, variiert stark. Der Weltrekord für einen Standardbausatz liegt bei 85 Tagen, einige frühe RV-3-Baumeister wetteifern andererseits noch immer um den Titel des "längsten Projekts".
Für die neueren Modelle RV-7, -8 und -9 schätzt Van´s den Aufwand auf 1500 Stunden. Es sei aber nicht ungewöhnlich, dass die Bauzeit zweier fertiger, vergleichbar ausgestatteter RVs um 50 bis 80 Prozent voneinander abweiche, das hänge sehr von der Persönlichkeit des Erbauers ab.
Bei den Selbstbauern gebe es zwei Kategorien, weiß RV-6-Pilot Detlef Oberbach. Die eine bildeten diejenigen, die ein Flugzeug bauen, um es zu fliegen. Die anderen bauen, um zu bauen. Er selbst ist mit seinem Eigenbau etwa 150 Stunden im Jahr in der Luft, unternimmt von seinem Heimatplatz Aachen-Merzbrück aus ausgedehnte Reiseflüge etwa nach Elba, Irland oder zum Nordkap.
Die Strecke Aachen-Shannon absolviert der formschöne 180-PS-Tiefdecker in vier Stunden, nach dreieinhalb Stunden erreichte Detlef Oberbach einmal Marino di Campo auf Elba.
Im Reiseflug rennt die RV bei 65 Prozent mit sehr beachtlichen 165 kts, dabei begnügt sich der Lycoming mit 33 Litern.
Der rote Bereich auf dem Fahrtmesser beginnt erst bei herausragenden 190 kts. Mit ihrer Leermasse von 470 kg ist die Aachener RV-6 allerdings auch den ULs näher als den anderen E-Klasse-Einmots. Der Bausatz-Renner dankt es mit einer Steigleistung von 2200 ft/min, in FL 100 sind es immer noch 1000 ft/min.
"Es gibt schnelle Flugzeuge, Flugzeuge mit kurzer Landestrecke, Flugzeuge, die gut steigen, die kurze Landestrecken haben oder sehr sparsam sind, aber mir ist keine Maschine bekannt, die diese Eigenschaften so hervorragend vereint", findet Detlef Oberbach.
Nach zwei Jahren und etwa 2200 Stunden Bauzeit hatte er seine RV-6 flugfertig. Das Bauen sei keine Kunst, meint er, aber man brauche Ausdauer. Sehr hilfreich seien die Anleitung und die Videos von Van´s Aircraft.
Die Amerikaner bieten darüber hinaus auch Lehrgänge an und lassen den Bauherrn während des Baus nicht alleine. Auf sein Fax, berichtet Oberbach, habe er einmal innerhalb von Stunden eine Antwort von Van´s erhalten.
Als Oberbach die RV-6 in Angriff nahm, konnte er allerdings bereits auf die Erfahrung mit einer RV-4 zurückgreifen, die er nach 2500 Stunden vollendet, viel geflogen und schließlich verkauft hatte. An die RV-4 sei er seinerzeit "ganz unbedarft" herangegangen. Eine RV unter den Händen heranwachsen zu lassen bedeutet in jedem Fall, sich klassischen Flugzeugbau mit Blechbiegen und Nietensetzen in die eigenen vier Wände zu holen.
Alleine etwa 12000 Nieten hat Detlef Oberbach angebracht. Die Teile sind vorgefertigt, sagt er, "aber nicht so, dass man sie montieren könnte". Kniffelige Komponenten wie zum Beispiel die Tanks kann man sich indessen auch anfertigen lassen.
Überhaupt gibt es für die RV-Modelle reichlich Teile und Zubehör zu kaufen. Teil der RV-Philosophie ist, dass die Materialien zwar luftfahrtgeprüft und allgemein verbreitet sind, aber viele aus Kostengründen nicht von Luftfahrtzulieferern stammen.
Oberbach jedenfalls hat jedes Teil in der Hand gehabt und kann mit Fug und Recht behaupten, sein Flugzeug zu kennen. Daher weiß er auch, wie seine RV sich hilft, wenn zum Beispiel der Gaszug reißt: Sie geht selbsttätig auf Vollgas. "Man sieht das alles, wenn man baut." ^
Als Lohn für die Mühsal hat Oderbach nun eine High-Performance-Single im Hangar stehen, die in sieben Minuten auf 10000 ft steigt, in einer Sekunde 200 Grad rollt, 1260 km weit fliegt und erst bei 50 kts stallt. Starts von kurzen Pisten sind die wahre Freude, nach fünf Metern nimmt die RV das Heck hoch, nach 240 Metern ist sie in der Luft.
Auch die Landerollstrecke von 200 Metern erreicht fast Piper-Super-Cub-Dimensionen. Und wenn man dann noch hört, dass die RV so ruhevoll in der Luft liegt, so dass sich Kurven durch Gewichtsverlagerung fliegen lassen, dann ahnt man, was der RV-Grinsfaktor ist.
(MS)
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