Das fehlerverzeihende Einfachflugzeug: Ercoupe 415D
"Es fällt schwer, sie zeitlich zuzuordnen", weiß Ercoupe-Eigentümer Holger Zinke. "So, wie sie dasteht, könnte sie aus den 70er Jahren stammen.
Die Leute sind immer ganz erstaunt, wenn sie das tatsächliche Baujahr hören." Zinkes Ercoupe, ein Modell 415D, stammt aus dem Jahr 1946.
Die doppelsitzige Bugrad-Einmot fand unmittelbar nach den Zweiten Weltkrieg in ihrer Heimat USA reißenden Absatz, alleine in jenem Jahr wurden 4000 Stück gebaut, in der Fabrik wurde in drei Schichten gearbeitet, auf dem Höhepunkt der Produktion wurden täglich etwa 30 Ercoupes fertig gestellt.
Für die Vermarktung wurden ungewöhnliche zusätzliche Verkaufsstellen gefunden: So bot die Kaufhauskette Marcy´s das kleine Reiseflugzeug in ihrer Herrenabteilung an. Doch so schnell wie sich die Jedermannflugzeugblase in den Nachkriegs-USA aufgebläht hatte, so schnell zerplatzte sie auch wieder, nicht nur für den Aircoupe-Hersteller ERCO in Riverdale in Maryland.
Immerhin 5028 Exemplare verließen zwischen 1945 und 1952 das ERCO-Werk. Nach verschiedenen Zwischenstationen landete der Entwurf 1967 schließlich bei Mooney, die daraus die Cadet machten, ein Jahr später das Doppelleitwerk absägten und durch die unverwechselbare Mooney-Flosse ersetzten und das Muster von da an M10 nannten.
Am Ende, das 1970 kam, wurden zusammen mit den wenigen Vorkriegsexemplaren 5685 Stück des Zweisitzers gezählt, dem sein Konstrukteur Fred E. Weick die Rolle eines nahezu unfallfrei zu fliegendes Volksflugzeuges zugedacht hatte und dem er dafür eine Reihe seinerzeit absolut unüblicher, aber brillanter technischer Detaillösungen mit auf den Weg gegeben hatte.
Weick hatte, aus dem Fundus seiner Forschungen schöpfend, Erkenntnisse praktisch angewandt, mit denen er sich weit von den vorherrschenden Lehrmeinungen und Prinzipien seiner Zeit entfernte. So verzichtete Weick auf Seitenruderpedale, stattdessen koppelte er die überlangen Querruder mit den Seitenrudern.
Nur ein einziges Bremspedal installierte er, die Bremse wirkt auf beide Räder gleichzeitig. Beim Rollen wird die Ercoupe daher in einer Weise auf Kurs gehalten, die man in einem gewöhnlichen Flugzeug nicht einmal einem minderbegabten Anfänger durchgehen ließe: durch Lenkbewegungen wie in einem Auto.
Das Doppelleitwerk favorisierte Weick, um die Seitenruder weitgehend vor dem Propellerstrahl zu bewahren und so die Giertendenz zu verringern. Beim Kurvenflug schägt nur das kurveninnere Seitenruder aus, was zu dem viel gelobten harmonischen Flugverhalten beiträgt.
Eine Eigenart der Aircoupe ist es, bei jeder beliebigen Geschwindigkeit zwischen 55 und 95 kts gelandet werden zu können. Haben erst einmal alle Räder den Boden berührt, erlischt augenblicklich ihr Wille, wieder wegzusteigen.
Mit den nebeneinander angeordneten Sitzen, die heute so selbstverständlich sind, brach Weick mit einer weiteren Konvention seiner Zeit. Die Insassen, meinte er, sollten möglichst unbeeinträchtigt miteinander kommunizieren können.
Das Bugradfahrwerk, auf das Weick seinen Entwurf stellte, verstieß ebenfalls gegen das vorherrschende Prinzip. Zwar hatte es zuvor schon Bugradflugzeuge gegeben, aber für Weick war es die unumgängliche Konsequenz aus seinen Studien zum Strömungsabrissverhalten.
Seiner Zeit um Jahrzehnte voraus war Weick mit der geschleppten Auslegung des Hauptfahrwerks. Auch die von ihm praktizierte Ganzmetallbauweise war Ende der 30er Jahre ebenso wie die Tiefdeckerauslegung noch weit davon entfernt, das Maß aller Dinge beim Leichtflugzeugbau zu sein.
Als Hommage an den Konstrukteur Fred E. Weick versteht Ercoupe-Besitzer Holger Zinke das Dekor seiner D-EZII, die er im September 2002 vom einem Lufthansakapitän gekauft hat. Der Biologe ist mittlerweile zum Weick- und Ercoupe-Forscher geworden, hat umfangreiches Material gesammelt, darunter ein kompletter Satz der Konstruktionszeichnungen, und steht in Kontakt mit Ercoupe-Interessierten weltweit.
Die Ersatzteillage für dieses Flugzeug ist ausgesprochen gut, selbst Originalteile sind noch zu haben, die nach dem Zusammenbruch der Massenproduktion übriggeblieben waren.
Zinke redet sich schnell in Begeisterung, wenn er über den Ideenreichtum Weicks spricht. Gewöhnen musste er sich an das Landen und vor allem das Rollen ohne Querruder dennoch. Und eine Eigenschaft der Ercoupe, räumt er ein, habe er noch gar nicht ausprobiert: Das Landen mit Reisegeschwindigkeit.
(MS)
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