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Die Starenvertreiber vom Neusiedler See

Tiefflug extrem: Piper Cub im Agrareinsatz

Piper tief über Weinstöcken

Sie umkurven alleine stehende Bäume und tauchen unter Stromleitungen hindurch: Die Agrarpiloten am Neusiedler See müssen das fliegerische Handwerk meisterhaft beherrschen. Mit ihren radikal abgemagerten Piper Cubs vertreiben sie von August bis Oktober Starenschwärme aus den Weingärten.

Alles grau in grau heute morgen, etwas Regen fällt aus den tief hängenden Wolken über dem Neusiedler See. Auch die Vögel gehen lieber zu Fuß, sagt man bei solchem Wetter gerne. Die Wolkenuntergrenze allerdings ist niemals ein limitierender Faktor für die Piloten der Land- und Forstflug GmbH im österreichischen Leopoldsdorf. Tiefflug steht heute auf dem Tagesplan.

Wie tief Tiefflug sein kann, wird sich heute wieder zeigen. So wie nahezu jeden Tag zwischen Mitte August und Mitte Oktober, wenn sich durchreisende Starenschwärme über die prallen Weintrauben hermachen wollen und die Leopoldsdorfer Agrarpiloten mit ihren Piper Cubs sie davon abzuhalten versuchen. Alleine Nebel kann das Fliegen verhindern, bei den Cubs ebenso wie bei den Vögeln.  
Wir stehen in Illmitz, auf einem der neun Außenlandefelder der Weingartenpiloten, einer Wiese von vielleicht 250 Metern Länge. Den Cubs muss das genügen. Ähnliches gilt für die Piloten, die sich mit einer Infrastruktur zufriedengeben müssen, die hier aus einer kleinen Holzhütte, einem etwas gammeligen Wohnwagen und einem Tankwagen besteht. Kein Strom, kein Wasser, keine Toilette. Weingartenfliegen, das hat auch immer etwas von Rustikalurlaub in der Natur.

Seit Beginn der 60er Jahre setzt man hier – im Seewinkelgebiet zwischen Neusiedl, Gols, Podersdorf und Illmitz – zur Weinlesezeit recht erfolgreich Flugzeuge gegen die Stare ein. Tausende Vögel, alljährlich auf dem Weg in den Süden, schätzen den Geschmack der köstlichen Trauben des Weissburgunders, Traminers, Blaufränkisch oder des Zweigelts. Sie verweilen hier gerne. Der Schaden wäre enorm, würde man nicht zu dieser außergewöhnlichen und auch ökologisch vertretbaren Methode greifen.

Unsere J-3C, Baujahr 1939, startet bei leichtem Gegenwind in Richtung Norden. Kurz nach dem Abheben drehen wir mit zirka 30 Grad Schräglage nach rechts und überqueren „zwischen“ zwei fahrenden Autos eine parallel zur Startbahn verlaufende Straße in etwa zwei Metern über Grund und nehmen Kurs auf unser Einsatzgebiet. Wir fliegen einen Slalom zwischen einzeln stehenden Bäumen, hüpfen über niedrige Telefonleitungen und achten extrem konzentriert auf jedes noch so niedrige Hindernis wie Vogelscheuchen und einzeln stehende, dünne lange Stangen mit Papierdrachen, gedacht als Vogelscheuchen. Sowohl die Einheimischen als auch die Weinbauern sind früh unterwegs. Sie kennen ihre „Starfighters“ und grüßen uns sehr freundlich.

Eine Handvoll gestandener Piloten stellt sich dieser in Europa wohl einmaligen fliegerischen Herausforderung. Es sind erfahrene Spezialisten mit entsprechender Tiefflugausbildung und der für diese Arbeit notwendigen behördlichen Lizenz. Geflogen wird mit Piper Cub wie J-3C, L-4, J-5 , PA-18 und L-18. Die recht betagten, aber gut gewarteten Fluggeräte sind für diese Arbeit bestens geeignet. Extrem abgespeckt, ohne Funk, ohne Anlasser, teilweise ohne zweiten Sitz und nur mit den allernötigsten Instrumenten ausgerüstet, sind die Fluggeräte sehr leicht. Dadurch reichen die 90 PS, einsitzig geflogen, für die Verfolgung der gefräßigen Fliegerkollegen gut aus.

Die meisten der rund 30 zum harten Kern gehörenden Piloten sind Freelancer. Das Spektrum reicht vom Airbuskapitän mit Bezug zur Basis bis zum engagierten PPL-Inhaber, der sich auf diese Weise seine Flugleidenschaft finanziert. Allen gemeinsam sind das solide fliegerische Handwerk und die extreme Erfahrung durch den täglichen Umgang mit dem Arbeitsgerät. Sie bewegen die alten Mühlen mit beeindruckender Sicherheit.

Wenn sich die Vögel bei Sonnenuntergang in ihre Schlafplätze zurückgezogen haben, bleibt auch den „Starfighters“ noch genügend Zeit, sich an lauen Spätsommerabenden beim gemeinsamen Lagerfeuer, einem saftigen Steak und einem guten Schluck Wein spannende und amüsante Fliegergeschichten zu erzählen.

 

Voraussetzungen für den „Starfighter“:

Mindesterfahrung von 200 Flugstunden, Kunstflugberechtigung. Letztere kann durch eine spezielle Gefahreneinweisung mit Kunstfluglehrer auf einem Kunstflugzeug ersetzt werden. Mindestens zehn StundenTiefflugausbildung, nach Erfahrung werden es meistens15 bis 25 Stunden. Charakterliche Eignung. Segelflugerfahrung und Spornraderfahrung ist von Vorteil.

Das firmeninterne Auswahlverfahren bestehen erfahrungsgemäß eher Bewerber mit mehr als 1000 Stunden Flugerfahrung.
Kontakt: Land- und Forstflug GmbH, Flugplatz, A-2285 Leopoldsdorf im Marchfeld; E-Mail: office@landflug.at

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Beim Starenvertreiben geht´s richtig tief herunter © Foto: Frank Herzog

MS

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